Selbstbestimmtes und kooperatives Lernen - jetzt schon wieder ein alter Hut?

(c) Ridofranz/iStock/Getty Images Plus
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Schule und Unterricht ist für LehrerInnen alles andere als eine einfache Sache. Ich habe meine pädagogische „Karriere“ in den alternativen Bereichen der Pädagogik begonnen.

Nach acht Jahren als Waldorfkindergärtner bekam ich Sehnsucht nach der Schule und war dann zwölf Jahre lang Montessorilehrer in der Integration in der Sekundarstufe I. Als Mitarbeiter in der LehrerInnenfortbildung arbeitete ich dann einige Jahre als Trainer für Unterrichtsentwicklung nach dem Klippert-Konzept. Alle diese Ansätze waren für mich letztendlich aber nicht befriedigend. Es fehlte ein für alle LehrerInnen leicht verständliches und schnell einsetzbares allgemeines Modell des Unterrichts, das für die SchülerInnen das Lernen einfacher, angenehmer und erfolgreicher machen sollte. Im Laufe meiner Tätigkeit als Hochschullehrender konnte ich dann feststellen, dass ein solches Lernen auch bestens in der Ausbildung für LehrerInnen funktioniert.

Wie frei kann Unterricht sein, ohne dass der Bildungsauftrag der Schule dabei gefährdet ist? Wie stark darf Lernen von außen vorgegeben werden, ohne dass dabei die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Lerner*innen unter die Räder kommen?

Das Modell des Lernens und Lehrens in gestalteten Lehrnarrangements eröffnet methodisch-didaktische Wege im Spannungsfeld dieser beiden gleichermaßen berechtigten Ansprüche, persönliches Lernen auf gemeinsamen Wegen zu ermöglichen. In einer solchen gestalteten Lernumgebung werden die hierarchischen Grenzen zwischen SchülerInnen und LehrerInnen überwunden. SchülerInnen als LernerInnen arbeiten mit LehrerInnen als LernbegleiterInnen im gemeinsam Lernraum zusammen und begeben sich als Lern-Team in das „Abenteuer Lernen“.

(c) Hubert Mitter: Dynamisches Phasenmodell leer

"Muss ich heute schon wieder tun, was ich will?"

Diese verzweifelte Frage eines Montessori-Schülers am Beginn des Unterrichts offenbart das Dilemma von Freiarbeit, Wochenplanarbeit und anderen offenen Lernformen. Begabte, „ungewissheitsorientierte“ LernerInnen können Lernfreiräume bestens nutzen – auch für selbstbestimmte Pausenzeiten - , eher schwache, „gewissheitsorientierte“ LernerInnen sind von freilassenden Lernsettings meist überfordert und hecheln den vorgegebenen Aufgabenstellungen ständig hinterher.
Das pädagogische Konzept des Kooperativen Lernens verspricht einerseits, die individuellen Lernbedürfnisse der LernerInnen zum Ausgangspunkt der Lernbemühungen zu machen, andererseits werden aber auch die Potenziale des gemeinsamen Lernens aufgegriffen und für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Lerninhalten genutzt.

Positive Abhängigkeit - ein Nonsens-Begriff?

(c) Hubert Mitter: Zufallspräsentation

Alleine Lernen gelingt – zumindest zeitweilig – nicht so gut wie gemeinsames Lernen. Der Mehrwert von Zuhören, aufeinander Eingehen, einander verstehen Wollen, Bereitschaft zur Zusammenarbeit und gegenseitiger Rücksichtnahme wird an den gemeinsam erzielten Lernerfolgen sichtbar und erfahrbar. So bleibt beim Lernen niemand auf der Strecke, unterschiedliche Stärken ergänzen sich und verschiedene Schwächen können in der Lerngruppe ausgeglichen werden. Erfolg beim Lernen ist eine der wichtigsten Triebfedern für die Lust auf das Weiterlernen.

Kooperatives Lernen stärkt die sozialen Kompetenzen der LernerInnen:

  • Konkurrenz im Lernprozess wird abgebaut und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit wird unabhängig von vorgegebenen Unterschiedlichkeiten aufgebaut.
  • Dabei bleiben die einzelnen LernerInnen aber persönlich für ihr Lernen verantwortlich. Sie werden ermutigt, ihre individuellen Möglichkeiten im Lernprozess auszuschöpfen.
  • Der unvoreingenommene Austausch mit allen anderen LernerInnen ist eine der Grundvoraussetzungen für die Nutzung der Potenziale des Lernens im gemeinsamen Lernraum. Buben arbeiten selbstverständlich mit Mädchen, LernbegleiterInnen coachen LernerInnen auf einer nichthierarchischen Ebene der Zusammenarbeit, LernerInnen mit unterschiedlicher sprachlicher oder religiöser Herkunft lernen einander zu akzeptieren und zu verstehen und schwerstbegabte LernerInnen treten mit solchen mit besonderen Herausforderungen in Beziehung. Die Konstellation der Zusammenarbeit verändert sich dabei ständig, damit sich keine Kommunikationsmuster verfestigen können.
  • Ein solches Lernen wird abgesichert durch den kritischen Blick auf die Qualität der gemeinsamen Arbeit, um mögliche Potenziale der gemeinsamen Weiterentwicklung dingfest zu machen. Der Aufbau fachlicher, personaler und sozialer Kompetenzen in ihrem ausgewogenen Zusammenwirken und ihrer gegenseitigen Verstärkung stehen im Zentrum eines derartigen Lernansatzes.

Was versteht man unter einer "sicheren Lernumgebung?"

Eine methodisch-didaktisch gestaltete Lernumgebung ist als „sicherer Raum des Lernens“ zu verstehen, der allen LernerInnen gleichermaßen den Zugang zu Bildung ermöglicht.
Die methodischen Fundamente des Lernens in solchen gestalteten Lehrnarrangements begründen sich vorrangig auf die Prinzipien des Kooperativen Lernens, des Wechselseitigen Lernens und Lehrens (WELL), des Dialogischen Lernens und des Selbstorganisierten Lernens (SOL). Dahinter stehen Theorieansätze wie der pädagogische Konstruktivismus, die systemische Pädagogik und Konzepte der „Ermöglichungsdidaktik“.
Ein „Lehrnarrangement“ ist als eine im eigenen Unterricht leicht arrangierbare Konkretisierung all dieser Methoden und Ideen zu verstehen. Es besteht immer aus fünf Schritten (Phasen), die in ihrer Abfolge eindeutig festgelegt sind. Dadurch wird der Lernprozess für die LernerInnen gut durchschaubar und sie dürfen sich sicher fühlen, weil sie sich beim eigenen Lernen ausreichend orientieren können.
Im ersten Schritt werden die LernerInnen in den bevorstehenden Lernprozess hineingeleitet (AKTIVIERUNG). Der zweite Schritt ermöglicht den persönlichen Einstieg in das Lernthema (ORIENTIERUNG und ANNÄHERUNG). Der zentrale mittlere Schritt besteht in der eigentlichen Auseinandersetzung mit den vorgesehenen Lernthemen. Dieser dritte Schritt (ANNEIGNUNG) verfügt über die größte Methodenvarianz: sie reicht von stark vermittlungsorientierten Settings bis hin zu Projektarbeit oder Lernen mit kooperativen Basismethoden. Die Dokumentationen bzw. Aufzeichnungen über den Lernprozess sind ein wesentliches Element nachhaltigen Lernens. Ein wichtiges Element dieses vierten Schrittes (DOKUMENTATION und PRÄSENTATION) ist auch die gemeinsame Vorstellung und Diskussion der Arbeitsergebnisse im Plenum. In einem letzten fünften Schritt (TRANSFER und REFLEXION) wird das Erlernte gesichert und vertieft. Es ist für ein nachhaltiges Lernen auch wichtig, auf mehreren Ebenen Feedback zum Lernprozess zu geben bzw. einzuholen. Eine systematische Reflexion des persönlichen Lernzuwachses hilft, die Lerninhalte auf Dauer zu behalten und zu verankern. Zum endgültigen Ausstieg aus einem Lehrnarrangement gibt es dann noch Angebote, um emotional-affektiv mit einem Lernthema bzw. dem Gruppenprozess abschließen zu können.
Eine ausführliche Beschreibung des „Dynamischen Phasenmodells zur Gestaltung von Lehrnarrangements“ findet man unter
www.lehrnarrangements.at

(c) Hubert Mitter: Dynamisches Phasenmodell

„Methodenfreiheit heißt nicht, dass man möglichst methodenfrei unterrichten soll!“

Ganz im Gegenteil! Der passgenaue Einsatz von abwechslungsreichen Methoden ist eines von zehn Merkmalen guten Unterrichts.
Die Methoden des Kooperativen Lernens und der Arbeit in Lehrnarrangements sind überwiegend in einem logischen Dreischritt aufgebaut:
Zuallererst wird eine Aufgabenstellung in persönlicher Einzelarbeit (SELBSTSTÄNDIG NACHDENKEN) bearbeitet und einer Lösung zugeführt.
Im zweiten Schritt (UNTEREINANDER AUSTAUSCHEN) treffen sich die LernerInnen in zufällig zusammengewürfelten Kleingruppen, um sich über – die meist unterschiedlichen – Lösungsansätze auszutauschen und eine für alle nachvollziehbare Lösung als Gruppe festzulegen. Dieses Ergebnis wird in der Regel aufgeschrieben oder graphisch visualisiert.
Im dritten Schritt (GEMEINSAM VORSTELLEN) treffen sich aller LernerInnen wieder im gemeinsamen Plenum und die einzelnen Kleingruppen stellen ihre Arbeitsergebnisse der Gesamtgruppe vor. Dadurch gelingt es, aus dem Gesamtbild der Beiträge für das Lernthema Wesentliches zusammenzutragen und zur Diskussion zu stellen. Die LernbegleiterInnen können an dieser Stelle die Dinge gegebenenfalls richtig stellen und in für das Lernergebnis wichtigen Bereichen ergänzen.

„Didaktische Barrierefreiheit“ durch eine virtuell vorbereitete Methodenumgebung

Die fünf Schritte des Lernens in Lehrnarrangements beruhen auf speziell auf diese einzelnen Schritte in ihrer Abfolge hin entwickelten bzw. angepassten Methoden. Die meisten dieser Methoden können für alle Altersstufen variiert verwendet werden. Die „Methodenblätter“ sind in der Praxis vielfach approbierte und leicht verständliche Anleitungen, die helfen, passende Methoden schnell und ohne großen Aufwand im eigenen Unterricht einzusetzen. Zu vielen dieser Methoden stehen auch die entsprechenden vorbereiteten Materialien zum unkomplizierten Herunterladen zur Verfügung.

(c) Hubert Mitter: Delfinorakel

Die Angebote der Methoden und Materialien zu den fünf Phasen eines Lehrnarrangements sind als virtueller modularer Baukasten zu verstehen. Man wählt jeweils jene Bausteine aus, von denen man sich die größte Wirksamkeit für sein Lernvorhaben verspricht. Dabei muss man nur darauf achten, dass sich eine Art roter Faden durch den Lernprozess zieht, an dem sich die LernerInnen entlangarbeiten können. Die Methodenangebote werden ganz bewusst als kostenloses Webangebot zur Verfügung gestellt. Einerseits erhält so jede/r Interessierte gleichermaßen Zugang zu den vorhandenen Inhalten, andererseits ist es so möglich, im Unterschied zu gedruckten Methodenhandbüchern immer ortsunabhängig nur das aufzurufen bzw. auszudrucken, was konkret für ein Lernvorhaben gerade benötigt wird.

„Auch die weiteste Reise beginnt mit einem ersten Schritt.“

Jede Lehrerin und jeder Lehrer kann mit den Methoden für das Lernen und Lehren in gestalteten Lehrnarrangements arbeiten und unterrichten. Es empfiehlt sich, anfänglich „niederschwellig“ mit „kleinen“ Methoden, die einem zusagen, zu beginnen und einzelne Elemente des Lernens in den fünf Schritten eines Lehrnarrangements im eigenen Unterricht auszuprobieren. Wer damit Erfolg hat und Lust auf mehr bekommt, kann die Durchgestaltung seiner Lernvorhaben dann bis hin zu vollständigen Lehrnarrangements ausdehnen, z.B. auch zum Thema „Deutsche Klassik“ oder „Tiere im Winter“. Mit zunehmender Routine wird es dann immer leichter, die richtigen Methoden passgenau und abwechslungsreich so zusammen zu stellen, dass sich daraus eine Lernumgebung ergibt, in der produktives, lernerInnengesteuertes und nachhaltiges Lernen stattfinden kann. Als Beispiel seien hier das „kleine“ Lehrnarrangement „Arktis-Antarktis“ (http://www.lehrnarrangements.at/plattform3-unterlagen.shtml) und das große Lehrnarrangement „Lernumgebungen gestalten“ (http://www.lehrnarrangements.at/plattform4-unterlagen.shtml) angeführt.

„Nichts Schöneres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein.“

Lernen im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gemeinschaft wird dann erfolgreich verlaufen, wenn Methoden nicht nur als „Spielerei“ verstanden werden, sondern als hoch wirkungsvolle Interventionsmöglichkeit für nachhaltige und ganzheitliche Lernprozesse. Dazu bedarf es eines methodisch-didaktisch fundierten Lernmodells, das einerseits möglichst freilassend, vielseitig und abwechslungsreich verläuft und andererseits ganz konkret, mit klaren sicheren Abläufen und einer logisch nachvollziehbaren Struktur ausgestattet ist. Eine in der schulischen Praxis bestens bewährte methodisch-didaktische Möglichkeit bietet hier das dynamische Phasenmodell für das Lernen und Lehren in Lehrnarrangements.
Die Freude aller beim Lernen Beteiligten ist die schönste Bestätigung für das Gelingen.



Gastbeitrag von Professor Hubert Mitter, Hochschullehrender für allgemeine Didaktik an der PH Salzburg, arbeitet seit vielen Jahren in der LehrerInnenbildung auf Grundlage des großteils selbst entwickelten dynamischen Phasenmodells des Lernens und Lehrens in Lehrnarrangements. Von 2010 bis 2012 Mitarbeit in einem Projekt-Team des BMUKK zum Thema „Individualisierung durch neue Lern- und Lehrformen“.