Vermeidung von Radikalisierung durch Begegnung auf Augenhöhe

Spannende Vorträge und Diskussionen gab es beim Symposium "Bildung zum Miteinander" der PH OÖ. Wie können Ausgrenzung und Radikalisierung verhindert werden? Was bringt Jugendliche dazu, sich dem Islamischen Staat anzuschließen? Was kann die Schule zur Vermeidung von Radikalisierung beitragen?

Leider wissen auch Experten nicht genau, was es braucht, um Jugendliche zu radikalisieren. Oft sind aber Ausgrenzung und ein Außenseiterdasein der Betroffenen zu beobachten. Perfekt zugeschnittene Propaganda über Soziale Netzwerke & Co tun ihr übriges. Wichtig sei die Begegnung auf Augenhöhe, so sind sich die Experten auf der Tagung einig. Fühlen sich Jugendliche wertgeschätzt und bietet man ihnen eine positive Perspektive für die Zukunft, dann sinkt die Gefahr, dass sie sich radikalen Gruppen anschließen - egal ob rechtsradikalen Gruppen oder aktuell dem Islamischen Staat.

Alternativen zum Heldentod bieten


Rund 200 Pädagoginnen und Pädagogen waren nach Puchberg bei Wels gekommen, um sich zum Thema "Ausgrenzung und Radikalisierung" Inputs zu holen. In sieben Vorträgen mit anschließender Diskussionsmöglichkeit wurde die Themen von den verschiedensten Blickwinkel beleuchtet. Zusammenfassend kann gesagt werden: Wir müssen den Jugendlichen eine Perspektive bieten, die reizvoller ist, als der Heldentod in Syrien!

Magdalena Danner: Projekt Nachbarinnen


MMag. Magdalena Danner von migrare - Zentrum für MigrantInnen OÖ - stellt das Projekt Nachbarinnen vor. Nachbarinnen sind Frauen mit nicht deutscher Muttersprache. Sie engagieren sich dort, wo am dringendsten Hilfe benötigt wird. Sie gehen direkt in die Familien, vermitteln alle für die Familie relevanten Informationen, agieren als Prozessbegleiterinnen, bieten Unterstützung und schaffen Kontakt zu integrationsfördernden Dienstleistungen und Aktivitäten.

Heinz Patzelt: Menschenrechtsbildung an Schulen


Die Angebote, die man derzeit zur Extremismusprävention findet "sind breit gefächert, widersprüchlich, inhaltsleer - auf gut deutsch würd ich sagen, keiner kennt sich aus und keiner hat ein Patentrezept gefunden", stellt Mag. Heinz Patzelt von Amnesty International (AI) Österreich fest. Problematisch sieht der AI Generalsekretär, dass alle Religionsgemeinschaften meinen, über der staatlichen Ordnung angesiedelt zu sein. Für Patzelt sollten die Menschenrechte Leitfunktion haben, woran sich alle orientieren können. "Wer zuerst Islam lernt und dann Menschenrechte und staatliche Ordnung á la Österreich - da habe ich meine Sorge, ob das dann in der richtigen Glaubwürdigkeit und in der richtigen Intensität herüberkommen kann", so Patzelt. "In Summe wird es wohl darauf hinauslaufen, dass wir qualifizierten Menschenrechtsunterricht brauchen, der in einer Form stattfinden muss [...], dass er bei den Ihnen anvertrauten Jugendlichen auch wirklich ankommt", schlägt Patzelt vor.

Michael Tischlinger: Bedrohung durch Radikalismus und Extremismus


Der Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz Mag. Michael Tischlinger gibt Einblicke in die polizeiliche Arbeit zur Extremismusbekämpfung. Was hat Österreich getan nach den Anschlägen am 11.9.2001 und wie waren die Reaktionen auf die Anschläge in Paris? Zu den Fakten: Es waren ca. 200 Österreicher nachweislich in Syrien, derzeit (Stand: 12.3.2015) sind 90 Österreicher in Syrien, 70 sind zurückgekehrt, 30 verstorben. Verdachtsfälle für Radikalisierung können anonym gemeldet werden (https://www.familienberatung.gv.at/beratungsstelleextremismus). Tischlinger erläutert, wie die weiteren Schritte der Polizei sind, wenn der Verdacht auf eine Extremisierung besteht.

Robert Misik: Wirtschaftskrise, Demokratiekrise, Dschihad-Fans & Wir-gegen-Sie-Stimmung ...


... Wie sich die Angst in die Gesellschaft hineinfrisst - so der Titel des Vortrags von Journalist und Schriftsteller Robert Misik. Misik geht der Frage nach, ob all diese Schlagworte miteinander in Verbindung stehen. Er spricht von leiser & lauter Wut (Stammtisch & PEGIDA) und diagnostiziert eine "Desintegration von Gesellschaften", wovon das Dschihadinteresse ein Teil für ihn ist. Misik liest abschließend die Geschichte eines Jugendlichen, dessen Wunsch es mit 12 Jahren war, dass es "keinen Krieg in der Welt gibt". Dann setzt eine Veränderung ein, die Eltern tun was sie können, damit der Jugendliche nicht abrutscht. Vergeblich. Mit 18 Jahren zieht der Jugendliche in den Krieg nach Syrien. Wie das passieren konnte, diese Frage stellt sich Misik - die Antwort hat er nicht, er kann nur Vermutungen anstellen ...

Petra Ramsauer: Islamismus, Extremismus, Terrorismus und die Revolution im Nahen Osten.


Die Buchautorin ("Die Muslimbruderschaft") und Kriegsreporterin Mag. Petra Ramsauer versucht die Hintergründe der Entwicklungen im Nahen Osten zu erklären. Sie geht vor allem auf die Muslimbruderschaft ein, die die Basis für den politischen Islam bildet. Sie mahnt, man dürfe das Christentum nicht mit dem Islam vergleichen, da mache man "einen großen Fehler". "Denn der Islam ist eine politische Bewegung, keine religiöse", so Ramsauer. Zur Vermeidung von Radikalisierung ist für die Journalistin vor allem die "Begegnung auf Augenhöhe" ein bedeutender Faktor. Petra Ramsauer war in ihrer journalistischen Tätigkeit in Terroristen-Ausbildungslagern und hatte Kontakt mit Gruppen wie der Hamas. Im Vortrag schildert sie detailliert ihre Erfahrungen.

Der Vortrag des Extremismus-Experten Moussa Al-Hassen Diaw ist noch rechtlich in Klärung und daher (noch) nicht online.  Christoph Feurstein hat die Freigabe zurückgezogen.

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