Notfallpsychologie u. psycholog.Krisenmanagement. Hilfe u. Beratung auf indiv. u. organis. Ebene

...Die psychologische Forschung hat verlässliche Erkenntnisse erarbeitet, nur dass bislang die Gesetzmäßigkeiten des Handelns nicht in Ausnahmefällen untersucht wurden.


AutorInnen: Gerngroß J

Verlag: Stuttgart: Schattauer

Erschienen: 2015

Zum Inhalt

 

Die psychologische Forschung hat verlässliche Erkenntnisse  über menschliches Entscheiden, Agieren und Reagieren erarbeitet, verkündet der Psychologe Guttmann, Universität Wien,  in seinem Geleitwort, aber er schränkt gleich ein mit der Überlegung,  dass die Gesetzmäßigkeiten des Handelns nur  "im Normalzustand"  erhoben wurden, aber nicht sicher ist, wie sich Menschen verhalten, wenn sie sich in einer Ausnahmesituation befinden.
Hier will das Buch eine Lücke schließen und dabei eine Theorie und Praxis integrierende Wissensvermittlung leisten, wobei  Akutpsychotraumatologie, psychologisches Krisenmanagement in Organisationen, Resilienzförderung und noch viele andere Themen heran gezogen werden.

Im Teil 1 des Buches werden Grundlagen der Psychotraumatologie, Notfallpsychologie und des psychologischen Krisenmanagements dargestellt. Interessant ist hier u. a. die Überlegung, was dazu beiträgt, Störungen zu verfestigen bzw. aufrecht zu erhalten, d.h. was pathogenetisch wirkt. Angeführt werden: Hilflosigkeit, Kontrollverlust, die Erschütterung der Grundannahmen, dass die Welt es gut meint, sinnvoll ist und das auch mein, dein, unser Selbst wertvoll ist (Seite 6). Wie sich das Trauma auswirkt , ist auch abhängig vom zentralen traumatischen Situationsthema abhängig.  Wie fügt sich das Erleben in bisherige Erfahrungen und Lebensentwürfe ein, was wird in Frage gestellt?  Interessante begriffliche Unterscheidungen werden getroffen: Ein Psychotrauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten,  das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt (Seite 3). Ein Notfall hingegen ist durch Ereignisse gegeben, die subjektiv als Beeinträchtigungen erlebt werden.  Er kann auch zu einer Traumatisierung führen (Seite 25f).  Krise hingegen, insbesondere psychische Krise  kennzeichnet den Verlust des psychischen Gleichgewichts in überfordernden Situationen (Seite 26). Stress ist eine in Folge der geforderten Anpassungsleistung auftretende körperliche, seelische Anspannungs-oder Alarm-Reaktion, die verschwinden kann, wenn eine Bewältigung der Situation gelungen ist, oder sich im anderen Fall steigern kann.

Recht wertvoll ist die Darstellung des professionellen psychologischen Krisenmanagements, das nicht nur in Extremsituationen  notwendig ist, sondern auch bei Arbeitslosigkeit, beruflichem Mobbing, schwerer Erkrankung  wichtig ist. Die übliche  Aufteilung in primäre, sekundäre und tertiäre Prävention gilt auch hier. So postulieren die Autoren u.a. die Erstellung eines Krisenplans bzw. Notfallplans.  Die Wichtigkeit dieser Maßnahme kann der Rezensent  nur bestätigen:  Auf seine Initiative wurden über den Einsatz der Schulpsychologie Verhaltenscodices für Schulen in Österreich ausgearbeitet, um im Ernstfall, etwa einer Amokdrohung eines Schülers, überlegt und konstruktiv mit der Ausnahmesituation umgehen zu können. Erwähnt werden soll auch die Einteilung der Prävention in Bezug auf die möglichen Adressaten in universelle, selektive (gewisses Risiko vorhanden)  und indizierte (Störungsanfälligkeit bestimmter Personen)  präventive Interventionen.

Teil 2   bezieht sich auf die psychosoziale Beratung in der Krise im Kontext eines Unternehmens. Teil 3 schildert die notfallpsychologische und psychosoziale Begleitung von Traumabetroffenen. Teil 2  bezieht sich auf bestimmte Personen (Augenzeugen, abwesende Opfer,  Führungskräfte, Mitarbeiter..) , bestimmte Orte(Gedenkort, nichtkirchliche Abschiedsfeier in den Unternehmensräumen) und Situationen (Überbringung der Todesnachricht,  Rückkehr in den Arbeitsprozess..). Teil 3 fokussiert mehr die Interventionsweisen (in der Akutphase, bei weiteren Interventionen, in Systemen etc.). Teil 4 bringt Kommunikationsbeispiele in Krisen und Notfällen. Interessant z.B. die Beobachtung, dass man in einem Notfall in eine fremde Welt eintaucht: Es gibt sonst kaum Anlässe, mit Polizei, Rettungsleuten etc. in intensiven Kontakt zu treten(Seite 115).  Aufschlussreich auch die Kommunikations-Versagensweisen: Parallele, konfliktäre und diffuse Kommunikation. Teil  5 befasst sich mit akuten Krisen und Traumatisierungen bei Kindern und Jugendlichen, Teil 6 mit Todesfällen im Bildungsbereich, auf Seite 155 werden z.B. vier Verantwortungsbereiche unterschieden: Das Krisenteam knüpft Kontakte zu Einsatzkräften, managt die Kommunikation nach außen (Medien), nach innen (Schule) und setzt verschiedene präventive Maßnahmen. Teil 7 verquickt die Notfallpsychologische Intervention mit psychotraumatologischen Konzepten. Sehr interessant sind die Ausführungen zu den "assumptive worlds" (Seite 160ff), mit denen man die Grundannahmen von Menschen meint, wie etwa eine wohlwollende Welt um sich zu haben, in der es Sinn und Gerechtigkeit, Kontrollierbarkeit  gibt usw. Eindrucksvoll die Aussagen von Menschen und ihre Interpretation hinsichtlich der verletzten Grundannahmen, z.B. "Wie kann so etwas mit einem sicheren Transportmittel passieren"  (Realitätsprinzip, Wohlwollen der Welt). Die Folgen der Erschütterung  des Weltverständnisses und Selbstverständnisses sind massiv und umfassend (Seite 169).

Teil 8 befasst sich mit systemischem Krisenmanagement in Organisationen.  Hier fließen viele Erkenntnisse der Lösungsorientierten Kurztherapie ein (im Buch wird ausschließlich die Ausdrucksform "Solution-Focused-Brief-Therapy" SFBT  verwendet).

Wie sich in diesem Themenüberblick zeigt, verdient das vorliegende Buch das Prädikat "wertvoll" sowohl für seine umfassende Darstellung, für seine praktische Umsetzbarkeit , als auch für die Erschließung von Neuland  im professionellen Bereich des Umgangs mit Ausnahmesituationen!  Sehr empfehlenswert!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
17.02.2015
Link
https://www.edugroup.at/bildung/paedagogen-paedagoginnen/rezensionen/detail/notfallpsychologie-u-psychologkrisenmanagement-hilfe-u-beratung-auf-indiv-u-organis-ebene.html
Kostenpflichtig
nein