Wiedergutmachung oder Verhaltensnote?

Bild: Thinkstock/Wavebreak Media
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Nahe Schulschluss, Freitag – vorletzte Schulwoche. Ich verabschiede mich gerade bei der Direktorin einer Hauptschule. Da kommen zwei aufgebrachte Lehrerinnen. Ob man denn einem Schüler auch jetzt noch eine schlechtere Betragensnote geben könne?

Pascal, 3. Klasse, hat eine der beiden Lehrerinnen vor anderen Schülern beschimpft: „ Du hast ja von Geburt auf ein Problem.“ Ich kenne Pascal. Ich habe Martin, einen seiner Mitschüler, für einige Monate betreut. Gerade am Vortag hatte ich die Abschluss- und Reflexionsstunde in dieser Klasse gehalten.

Obwohl ich praktisch nur zufällig dabei stehe, frage ich die Lehrerinnen, ob ich mich darum kümmern und mit Pascal eine Wiedergutmachung ausmachen soll. Sie sind einverstanden und so nehme ich Pascal mit in den Beratungsraum.

Mit seinem Verhalten konfrontiert, ist er sehr einsichtig. Es ist ihm peinlich, er will sich sofort entschuldigen. Ich erkläre ihm, dass eine Entschuldigung eine Grundlage ist. "Du hast vor anderen Schülern schlechte Worte zu deiner Lehrerin gesagt, du solltest das mit guten Worten wieder gut machen." Als ich ihm vorschlage, ihn dabei zu unterstützen, ist Pascal erleichtert und dazu bereit, gute Worte für die Frau Lehrerin zu finden. "Sie sind nett. Sie erklären gut in Geometrisch Zeichnen und noch besser in Mathematik. ... Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir weiterhelfen, wenn ich mich nicht auskenne,...". Schnell hat Pascal einen Text von etwa einer halben A4-Seite. Nun holen wir die Lehrerin und gehen in seine Klasse. Pascal liest seinen Wiedergutmachungstext vor seinen Mitschüler/innen und der Klassenvorständin, der Lehrerin vor. Die Klasse applaudiert. Die Lehrerin geht zu ihm hin, gibt ihm die Hand und sagt: "Das hast du gut gemacht. Für mich ist die Sache erledigt."

Diese ganze Intervention hat vielleicht 25 Minuten gedauert. Die Lehrerin ist gestärkt worden, Pascal auch und vor allem die Beziehung zwischen den beiden. Pascal weiß jetzt, welches Verhalten seine Klasse schätzt. Sein Ansehen ist verbessert. Die Schüler/innen setzen ein Zeichen für Kooperation mit den Lehrkräften. Ihr Applaus ist ein Schulschluss-Geschenk für mich. Und ich habe genau beobachtet, wer als erster applaudiert hat. Der Klassensprecher. Schön. Bleibt die Frage: Welchen Nutzen hätte dagegen eine schlechtere Verhaltensnote gehabt?



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