Always on? Kinder und Smartphones

Ridvan Celik/iStock/Thinkstock
Ridvan Celik/iStock/Thinkstock

Wie werden Smartphones von 8- bis 14-Jährigen genutzt? Welche Rolle spielen sie aus Sicht der Eltern, in der Familie und iim Freundeskreis? Diesen und weiteren Fragen gingen Forscher der Universität Mannheim in einer kürzlich veröffentlichten Studie auf den Grund...

Die von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) beauftragte Studie "Mediatisierung mobil. Handy- und mobile Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen" beleuchtete im Speziellen folgende Fragestellungen:

  • Wie integrieren Kinder und Jugendliche ihr Handy und das mobile Internet in ihren Alltag, insbesondere vor dem Hintergrund ihres jeweiligen Entwicklungsstandes?
  • Welche Potenziale bietet die Handynutzung für die Kinder und Jugendlichen einerseits, welche Gefahren sind andererseits zu befürchten?
  • Wie wird die Kommunikation und Interaktion in Familie und Peergroup durch den Alltagsbegleiter Handy beeinflusst?
  • Wie bewerten Eltern ihre erzieherischen Aufgaben hinsichtlich der neuen technologischen Entwicklungen und Möglichkeiten?
  • Welchen Einfluss haben Eltern auf den Umgang ihrer Kinder mit dem Handy und Smartphone?
  • Welchen Einfluss hat die Peergroup auf den Umgang mit dem Handy und Smartphone?
  • Welche Rolle spielen Normen in der Freundesgruppe?
  • Welche individuellen Eigenschaften hängen mit einer mehr oder weniger individuell und sozial zuträglichen Nutzung von Handys und Smartphones zusammen?

Starke Bindung zum mobilen Begleiter

Hinsichtlich der Bindung zu ihrem Mobiltelefon zeigen sich bei den befragten Kindern und Jugendlichen erkennbare Unterschiede. Prof. Dr. Peter Vorderer: "Viele sind in der Lage, auch längere Zeit ohne das Handy oder Smartphone auszukommen. Etwa 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen weisen jedoch eine sehr starke Bindung auf." Dies äußere sich unter anderem dadurch, dass sie "ständig an das Mobiltelefon denken, es auf neue Nachrichten überprüfen oder zum unspezifischen Zeitvertreib nutzen." Acht Prozent von ihnen seien so stark involviert, dass sie "als suchtgefährdet bezeichnet werden müssen".

Licht und Schatten im Freundeskreis....

Die hohe Smartphone-Nutzung hat deutliche Auswirkungen auf die Beziehung zu Gleichaltrigen: Als positive Effekte für Freundschaften untereinander nennen die Wissenschaftler z. B. das gemeinsame Anschauen von Fotos und Videos oder das gemeinsame Handyspielen. Allem voran kommt dem Handy aber eine herausragende Bedeutung als Kommunikationsmittel zu, das die Bindungen untereinander stärkt, so Dr. Dorothée Hefner. Hier liegt aber auch die Schattenseite der vermehrten Handynutzung: Cybermobbing, Sexting und Happy Slapping sind dabei Verhaltensweisen mit besonders weitreichenden Folgen für die Heranwachsenden. Etwa zehn Prozent haben Cybermobbing bereits als Täter oder Opfer erlebt, zwischen 4 und 6 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben bereits Happy Slapping erfahren oder sexualisierte Fotos von sich verschickt. Auffällig ist laut Dr. Karin Knop auch die Angst, etwas zu verpassen und aus dem Kommunikationsfluss ausgeschlossen zu sein (Fear of missing out, FoMO): "Dies ist der stärkste Erklärungsfaktor für unkontrollierte, exzessive und risikobetonte Handynutzung."

... und in der Familie

Handys und mobiles Internet bringen im familiären Alltag einerseits viele Erleichterungen. Eltern und Kinder sind sich einig: Der größte Vorteil ist die vereinfachte Kommunikation und Alltagsorganisation. Man kann sich unkompliziert verabreden, etwas nachfragen, Bescheid geben und ist besser für Notsituationen gewappnet. Im alltäglichen Familienleben kommt es allerdings auch zu Reibungspunkten. So ist vor allem das zeitliche Ausmaß des kindlichen Handykonsums Grund für Konflikte. Aktive Handyerziehung, die über Restriktionen und Regelungen hinausgeht, wird offenbar auch dadurch erschwert, dass das Handy vorrangig ein mobil und individuell genutztes Medium mit kleiner Bildschirmgröße und privatem Charakter ist, und sich deshalb dem unmittelbaren Einfluss der Eltern entzieht.

Impulse für die medienpädagogische Praxis

Abschließend gibt die Studie wertvolle Tipps und Hinweise für die Medienpädagogik:

  • Auch wenn Smartphones neue Nutzungsformen mit sich bringen, spielen nach wie vor Kommunikation und menschliches Miteinander eine große Rolle. Erziehende, also auch Lehrkräfte, sollen ihren Erfahrungsvorsprung dazu nutzen, mit Kindern und Jugendlichen über die Nutzung dieser Geräte ins Gespräch zu kommen.
  • Es gilt daher, die Unsicherheit der Erziehenden zur Handyerziehung abzubauen - dies umfasst Informationen zur Funktionsweise von Geräten oder Apps, aber auch zu Bedürfnissen und Kompetenzen der Kinder in Abhängigkeit von deren Entwicklungsstand. 
  • Die Nutzung des Smartphones als mobiles und individuelles Kommunikationsmedium macht es erforderlich, einen Fokus auf kommunikative Kompetenzen zu legen und die Eltern-Kind-Beziehung zu stärken bzw. zu optimieren. Hier ist eine Verständigung über Potentiale, Risken, Interessen und Bedürfnisse der Kinder wesentlich.
  • Rund ein Sechstel der befragten Eltern betreibt keine Handyerziehung. Es gilt, speziell bei dieser Gruppe technische Regulierungsmaßnahmen (z.B. zeitliche Einschränkungen, Jugendschutz,...) bekannt zu machen und sie natürlich vor allem auch auf ihre Rolle als Vorbilder für ihre Kinder bewusst aufmerksam zu machen.
  • Generell wird die Bereitstellung niedrigschwelliger Informationsangebote für Familien als wesentlicher Punkt gesehen.
  • Die Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu selbstbewussten und unabhängigen Persönlichkeiten wird als oberstes Ziel der Medienpädagogik gesehen: Es hat sich gezeigt, dass Handys und Smartphones von diesen deutlich kompetenter genutzt werden und sie somit Gruppennormen und -druck leichter entgegentreten können.

Zusammenfassung der Studie

Quelle (in Teilen): Zwischen Gruppendruck und Lebenserleichterung