Was wissen Lehrer über Leseförderung?

(c) Thinkstock/Ingram Publishing
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Spätestens seit den PISA-Ergebnissen ist überall bekannt: Die Lesekompetenz unserer Schüler lässt zu wünschen übrig. Doch was tun Lehrer, damit Mädchen und Jungen zu kundigen Lesern werden? Der Frankfurter Wissenschaftler Daniel Scherf forschte dazu über das Fachwissen der Lehrenden.

Lesen Schlüsselkompetenz Nr. 1

Auch wenn wir heute in einer digitalisierten Welt leben ist das geistige Verarbeiten von Geschriebenem nach wie vor die Schlüsselkompetenz Nr. 1. Doch leider haben viele Mädchen und Buben genau damit ihre Schwierigkeiten. Der Deutschdidaktiker hat nun untersucht, auf welches Wissen Lehrer im Leseförder-Unterricht zurückgreifen. Seine Erkenntnis: Zwischen universitärer Theoriebildung und schulischer Praxis bestehen deutliche Unterschiede.

Ausdauer und "Lesen-Können" müssen gefördert werden

Klassenbibliotheken und Lesekisten gehören seit den 80er Jahren zu der Grundausstattung vieler Schulen und sollen Kinder zum Lesen zu motivieren. Doch mit PISA hat sich das Verständnis von Leseförderung geändert, so Scherf. Man habe erkannt, dass es weniger um die Animation zum Lesen gehen müsse als vielmehr auch darum, die Ausdauer beim Lesen sowie das ‚Lesen-Können’ zu fördern. „Leseförderung ist etwas anderes bzw. mehr als  nur das Schaffen von schönen Lesegelegenheiten“, so Scherf. Nach Auffassung der universitären Deutschdidaktik muss die richtige Fördermethode je nach Schüler individuell gewählt werden. Wenn ein Schüler z. B. einen Text nicht versteht, muss er Strategien an die Hand bekommen, wie er die Lektüre in den Griff bekommen kann.

Bauchgefühl und Einfluss der Schule

Anhand von insgesamt 24 Einzelinterviews mit Lehrern und fünf Gruppengesprächen mit Teilkollegien untersuchte Scherf das Wissen von Lehrkräften in Bezug auf Leseförderung. Scherf wollte u. a. herausfinden, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse in der schulischen Realität wahrgenommen und umgesetzt werden. Dabei habe er nicht nur Kenntnisse über bestimmte Leseförderkonzepte abgefragt, sondern auch Kenntnisse, die aus dem nichtwissenschaftlichen Bereich stammen oder die sich aus persönlichen Erfahrungen herleiten. Gerade in Gruppengesprächen sei deutlich geworden, dass Lehrer bestimmte Konzepte wie das Lesestrategietraining oft zwar kennen, es jedoch aus einem Bauchgefühl heraus ablehnten. Auch der Einfluss des schulischen Umfelds sei hier besonders deutlich geworden.

Überraschende Ergebnisse

Bei der Auswertung der Untersuchung kam Scherf zu überraschenden Ergebnissen. So gehe die Deutschdidaktik zum Beispiel davon aus, dass Leseförderung fächerübergreifend stattfinden müsse. Nach Scherf habe Leseförderung aber just dort besonders gut funktioniert, wo sich vor allem die Deutschlehrer dafür zuständig fühlen. „Insofern ist das Konzept der Fachdidaktik, Leseförderung fächerübergreifend zu denken, zwar theoretisch nachvollziehbar, in seiner schulischen Wirkung jedoch fragwürdig“, so Scherf.

Keine Kritik an die Lehrer

Die Lehrer selbst will Scherf nicht kritisieren. Insgesamt habe er festgestellt, dass an Schulen sehr viel über das Thema nachgedacht werde. Bei vielen Lehrern resultiere das Wissen um Leseförderung jedoch aus der Unterrichtserfahrung, aus dem Umgang mit eigenen Kindern und vielen anderen Dingen. „Das ist alles andere als Fachwissen“, sagt Scherf. Einen wissenschaftlichen Hintergrund halte er jedoch für sehr wichtig. Manche Methoden, die Kinder zum Lesen animieren sollten, wirkten nur auf leseaffine Schüler positiv. Je nach Begleitung durch den Lehrer könnten z.B. Vielleseverfahren wie Antolin leseschwache Schüler insofern sogar in der Annahme bestärken, Lesen sei „nur etwas für die anderen“.