Erzählweisen des Körpers

Über drei Jahrzehnte war der Autor zuständig für Psychotherapie und Beratung an der Akademie Remscheid, er hat das Remscheider Institut für Kompetenzentwicklung und Coaching gegründet und geleitet. Richter hat die gesellschaftliche Verantwortung für das Wohl des einzelnen immer betont, aber auch...

Buchtitel: Erzählweisen des Körpers. Kreative Gestaltarbeit in Therapie, Beratung, Supervision und Gruppenarbeit.
Autorinnen: Richter K F
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Erschienen: 2011

...Wege der Veränderung im sozialen Mikrobereich, dem Individuum, gesucht. Er meinte dazu: "Es zeigt sich allerdings, dass die analytischen und sprachfixierten Verfahren zunehmend überfordert werden von der Komplexität seelischer, sozialer und kultureller Störungen. Deshalb versuchen integrale Verfahren der Kreativitäts- und Kulturtherapie, auf das gesamte System persönlicher, sozialer, ökologischer und kultureller Lebenszusammenhänge einzuwirken." (Seite 33). Wo Sprache nicht ist, ist dennoch Kommunikation. In diesem analogen Raum "unterhalb" der Sprache gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Symbolisierung. Deshalb weitet Richter die therapeutische Arbeit aus, indem er kunsttherapeutische und körperorientierte Methoden mit einbezieht. Der Begriff "Gestalt" bezeichnet dabei das Ganze, das sich jeder Fragmentierung widersetzt, man kann das Körperliche nicht ausklammern vom Menschen, man kann den gesellschaftlichen Kontext nicht vom Individuum abstrahieren. Integration versucht, "Zusammenhänge unter einem übergeordneten Gesichtspunkt herzustellen, Einzelelemente in ein Ganzes einzubeziehen." (S 29). An der steigenden Komplexität der Welt scheitert die Integrationsfähigkeit oft und es kommt zu Entgrenzungen: körperlich ( Körpersignale werden nicht mehr wahrgenommen), kognitiv ( durch die Informationsflut werden Informationen nicht mehr verarbeitet und daher gleich-gültig), geistig (es kommt zu willkürlichen Kombinationen z.B. religiöser Inhalte ohne Berücksichtigung der unterschiedlichen Fundamente) u. v. a. m. (S 29). Dadurch wird aber als Gegengewicht Einengung notwendig in Form von Fundamentalismus, Vereinfachung, Abspaltung, Ausblendung (S 30). Kreativitäts- und Kulturtherapie strebt daher nicht nur seelische Gesundheit des Individuums an, sondern den lebendigen Kontakt mit der sozialen, geistigen und materiellen Umwelt (S 33).

Im ersten Teil beschreibt das Buch das Konzept "Kreativer Gestaltarbeit", im zweiten Teil geht es um die Methoden "Kreativer Gestaltarbeit", im dritten um den kreativen Einsatz von Medien. Der vierte, abschließende Teil beschreibt neue Entwicklungen in der Gestaltarbeit. Diesen Teil hat Kirchhof-Knoch, Schülerin und dann Kollegin von Richter, beigesteuert, sie hat außerdem den Forschungsstand aktualisiert - Richter konnte die Überarbeitung der Erstauflage aus 1997 nicht selbst durchführen, er ist 2009 gestorben. Viele Ideen und Impulse hat Richter durch Verwendung oder Weiterentwicklung der gestalttheoretischen und integrativen Konzepte seines Lehrers Hilarion Petzold kreiert. Z.B. Die 14 Wirkungsfaktoren in Therapie und Beratung nach Petzold wie etwa das einfühlende Verstehen (das schon Rogers beschrieben hat). Richter übernimmt sie in sein Konzept ( zu überlegen wäre freilich, ob der Ausdruck "Wirkungsfaktor" statt "Wirkfaktor" absichtlich gewählt wurde und wie es verstanden werden soll, dass überwiegend von "Förderung" die Rede ist). Dass hier von "emphatischen Verstehen" (S 45) gesprochen wird, mag ebenfalls Absicht sein, um das engagierte Zuhören zu betonen, oder es handelt sich um eine Verwechslung mit "empathisch" (vielleicht weiß Kirchhof-Knoch, wie das gemeint war). Ein Beispiel für die Erweiterung von Ansätzen Petzolds: Auf Seite 42ff werden die vier Wege der Entfaltung (Strategien der Veränderung) nach Petzold (entwicklungsorientierter Weg durch Überwindung von Blockaden, Weg im (Rück-)Spiegel durch defizitbehebende Nachsozialisierung, erlebnisaktivierender Weg durch kreative Medien, Gemeinschaftsweg durch gelebte und erlebte Solidarität) beschrieben. Richter erweitert sie um den fünften Weg, den geistigen Weg (Ziel ist nun nicht mehr Veränderung, sondern Verwandlung durch Meditation, Trance, Ritual etc.). Eines von mehreren Glanzlichtern in diesem Buch ist die Diagnostik (S 79 bis 91) durch die vielen Beobachtungshinweise betreffend den Klienten, aber auch den therapeutischen oder beratenden Begleiter: Das Wechselspiel zwischen Eigen- und Fremdbeobachtung entspricht ja auch dem Fluktuieren zwischen Figur und Hintergrund (S 81). Diese Hinweise könnten auch für Lehrerinnen und Lehrer ( im Unterricht oder einer Art "Gestaltpädagogik") nützlich sein. Die verschiedenen Anregungen zum Fantasieren oder kreativen Gestalten (S 89ff) z.B. einer Seelenlandschaft, oder das Arbeiten mit Polaritäten (z.B. etwas mit zwei Farben gestalten), das Malen eines Lebenspanoramas, die kreative Gestaltung der Familienatmosphäre, die Darstellung des Beziehungsnetzes oder der Ressourcenlandschaftsind ganz wertvolle diagnostische Zugänge zur Person, zur Herkunftsfamilie, zum sozialen Netz.

Manchmal würde man sich Quer- oder Quellverweise wünschen, z.B. wird der Begriff der selektiven Authentizität (S 93) schon von Ruth Cohn eingesetzt; die Bewegungserfahrung und insbesondere die "vier Würden" des Menschen (Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen) (S 168 bis 173) würden einen Hinweis auf die als tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapiemethode in Österreich anerkannte "Konzentrative Bewegungstherapie " erlauben; die Erwähnung des Autogenen Trainings (S 178) könnte komplettiert werden durch den Hinweis, dass das Autogene Training eingebaut ist in die in Österreich als tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapiemethode anerkannte "Autogene Psychotherapie". Das gilt übrigens auch für die Integrative Gestalttherapie und Integrative Therapie sowie die Gestalttheoretische Psychotherapie - allesamt anerkannte Methoden in Österreich - somit auch Hoffnungsträger für die Anerkennung in Deutschland, für die die Autorin im Vorwort argumentiert und ein überzeugendes Plädoyer dafür im vorliegenden Buch sieht. Auch der Umgang mit Texten, Gedichte, Märchen wird thematisiert (S 298-309). Der Einsatz von Musik wird nur summarisch skizziert(S 310 ff), hier würden Beispiele wertvoll sein.

Dies alles sind aber nur Randbemerkungen im Hinblick auf die Fülle von Übungen und Impulsen, erklärenden Skizzen (wie z.B. auf Seite 66 die interessante Darstellung des Kontaktzyklusses) und Tabelle (wie z.B. im Anhang die mehrseitige Übersicht) . Sehr beeindruckend sind aber auch die Skizzen zur Gestaltarbeit mit Trance, zum Einbau systemischer Methoden und zur Gestaltarbeit bei Traumen, die die Autorin einbringt.

Um das Buch kurz zu beschreiben, fielen dem Rezensenten spontan zwei Worte ein: Licht und dicht: Das Buch ist durch seine verständliche, transparente und authentische, auf Erfahrung beruhende Darstellung licht - und dicht durch seine Anregungen, Erläuterungen, Visualisierungen und über 100 Ideen! Absolut lesenswert!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
08.12.2011
Link
https://www.edugroup.at/praxis/portale/psychologie-und-philosophie/news/detail/erzaehlweisen-des-koerpers.html
Kostenpflichtig
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