Herausforderndes Verhalten in der KiTa

Die Autorin, Diplompädagogin, gliedert ihre Ausführungen recht anschaulich in vier Abschnitte: Trotzkopf: Kinder mit aggressivem Verhalten; Zappelphilipp: Das Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung AD(H)S; Kinder wie vom anderen Stern: Mädchen und Jungen mit Asperger-Syndrom; ...

Buchtitel: Herausforderndes Verhalten in der KiTa. Zappelphilipp, Trotzkopf & Co. (Frühe Bildung und Erziehung)
Autorinnen: Schirmer B
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Erschienen: 2011

...Zusammenarbeit mit den Eltern. Jeder Abschnitt widmet sich den drei grundlegenden Fragen: Was kann ich beobachten? Was muss ich wissen? Was kann ich tun? Unter letzterer Teilüberschrift finden sich praktische Handlungsempfehlungen: Den Aggressionen vorbeugen, mit Aggressionen umgehen, Elterntraining; das Verhalten der Erzieherinnen, das Verhalten der Kinder, Behandlungsmöglichkeiten außerhalb der Kindertagesstätte; Unterstützung im Alltag, wie kann Integration gelingen, wie kann man Übergänge in die KiTa und Schule gestalten, wie kann Elternarbeit funktionieren, typische Probleme, Elterngespräche führen. Aggressive Trotzköpfe, unruhige, ablenkbare Zappelphilippe und autistische Kinder von einem anderen Stern haben als Gemeinsamkeit nicht nur, dass sich die Gruppen oftmals überschneiden, sondern pädagogisch bedenklich die Gefahr der Isolation aufgrund ihres Andersseins, und die durch ihr Verhalten behinderte kognitive Entwicklung und die unter anderem von gestressten, überforderten Erzieherinnen erfolgende negative Bewertung und Stigmatisierung als Störer.

Einige dem Rezensenten als interessant aufgefallene Inhalte sollen einen Eindruck über dieses Buch vermitteln helfen: z.B. recht wertvolle Überlegungen zur Aggression und der Frage, was noch als normal bezeichnet werden kann, (ein kleiner Schönheitsfehler auf Seite 14: "Der Begriff Aggression stammt vom lateinischen Verb aggredere ". Die richtige Ableitung von Aggression ist das Deponens-Verb aggredi). Die Autorin versammelt sehr viel Wissenswertes aus Biologie, Psychologie, Sozialpsychologie, Soziologie und bezieht auch situative Faktoren mit ein. Den auf Seite 34ff erfolgenden Hinweis auf das Präventionsprogramm Faustlos kann der Rezensent nur unterstützen (in den vergangenen Jahren wurde unter seiner Leitung von der Schulpsychologie in Österreich nahezu flächendeckend dieses Programm zur Steigerung der Empathie, zur Impulskontrolle und zum Umgang mit Wut und Ärger eingesetzt).

Recht brauchbar sind auch die Fragen zur Analyse des aggressiven Verhaltens (S 38f). Einleuchtend und hilfreich ist auch die Typendifferenzierung in instrumentell-aggressives Verhalten (das aggressive Verhalten bringt Vorteile), affektiv-aggressives Verhalten (überschießende Angstgefühle und Erleben von Bedrohung sowie starke Erregung führen zu motorischen Entladungen), und impulsiv-aggressives Verhalten. Jeder Aggressionstyp erfordert spezielle Interventionen bzw. Präventivmaßnahmen. Recht originell, um noch ein Beispiel zu nennen, ist der Hinweis auf die differentielle Verstärkung alternativen Verhaltens (man sucht nach Verhaltensanregungen, die inkompatibel sind mit aggressiven Verhalten).

Beim Abschnitt über die Zappelphilippe gelingt es der Autorin in Kürze wesentliche Grundlagen des Verständnisses der AD(H)S zu vermitteln. Spannend sind die Ausführungen zur Gestaltung von räumlichen und zeitlichen Bedingungen, sowie die Hinweise: Selbststeuerung verbessern, die Aufmerksamkeitsfokussierung unterstützen, die Handlungsmotivation verbessern, ebenso die sozialen Kontakte. Besondere Hilfen wie Heilpädagogisches Reiten, Sensorische Integration, Verhaltenstherapie u. a. m. werden auch erwähnt.

Im Abschnitt über die autistischen Kinder mit Asperger-Syndrom werden die Wahrnehmungsbesonderheiten dieser Kinder besprochen, z.B. die zu vielen Eindrücke, die gleichzeitig auf sie einströmen und eine Abwehrreaktion zur Folge haben (z.B. Vermeidung des direkten Blickkontakts). Besonders interessant ist die Theory of Mind (TOM), die Fähigkeit, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Diese Fähigkeit fehlt den Aspergersyndrom-Kindern. Wahrnehmungsverarbeitungsschwierigkeiten führen auch zu motorischen Ungeschicklichkeiten, weil Körperschemata und motorische Schemata nicht richtig wahrgenommen werden. Was man tun kann, sind klare Anweisungen, Schutz vor zu vielen Reizen geben, zeitliche Orientierungshilfen geben. "Die Technik der Social stories" (unmissverständliche Schilderung von sozialen Abläufen und den Emotionen der Beteiligten) wird so eingesetzt, dass die autistischen Kinder ein Regelverständnis entwickeln können. Ganz wichtig ist ein Training, das die Theory of Mind und auch die fehlende oder beeinträchtigte Funktion der Spiegelneuronen als Ausgangspunkt nimmt.

Im letzten Abschnitt besticht die Darstelllung der komplexen Auswirkungen eines autistischen Kindes auf die Beziehungen zwischen Eltern und Kind, aber auch auf die Beziehungen des Elternpaares selbst.

Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig: Das Buch beeindruckt dadurch, dass mit präzisen Worten viel Wissen - theoretisch und praktisch - vermittelt wird; dabei wird sachlich informiert, in einer klaren, verständlichen Diktion ohne Fachchinesisch. (Hierzu nur ein kleiner Vorschlag des Rezensenten: Der Rezensent hat einige Personen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendbetreuung befragt: In Österreich und vielleicht auch in anderen Zonen des deutschen Sprachraums dürfte außer im fachlichen Diskurs die Kurzbezeichnung KiTa nicht sehr gebräuchlich sein, ebenso der Begriff "Kindertagesstätte". Vielleicht kann man das Wort in ausgeschriebener Form am Cover anführen und einen Hinweis im Vorwort anbringen, denn das Buch könnte auch interessierten Eltern viel bieten).

Es ist ein Buch, das man sehr gut empfehlen kann - auch über den Einsatz in Kindertagesstätten hinaus! Der Autorin darf man gratulieren zu ihrer gelungenen Verbindung von fachlicher und literarischer Kompetenz!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
04.12.2011
Link
https://www.edugroup.at/praxis/portale/psychologie-und-philosophie/news/detail/herausforderndes-verhalten-in-der-kita.html
Kostenpflichtig
nein