Humor in Psychiatrie und Psychotherapie

In 19 Kapiteln entfaltet das Buch einen bunten Fächer von Erkenntnissen zum Thema "Humor in Psychiatrie und Psychotherapie". Die Herausgeberin meldet sich gleich dreimal zu Wort: sie stellt die Frage nach einem möglichen Humorzentrum im Hirn, befasst sich mit Humor, Gesundheit und psychischen...

Buchtitel: Humor in Psychiatrie und Psychotherapie. Neurobiologie - Methoden - Praxis.
Autorinnen: Wild B
Verlag: Schattauer
Erschienen: 2012

...Erkrankungen und resümiert in einem Schlusswort nochmals die einzelnen Hauptaussagen des Buches. Die weiteren Beiträge befassen sich mit Ironie, Psychotherapie mit Humor bei Kindern und Jugendliche, mit Humor mit betagten Menschen, mit Humor in der tiefenpsychologischen Psychotherapie. Weitere Themen sind der Witz in der analytischen Gruppenarbeit, der Galgenhumor in der Traumatherapie, Humor in der Verhaltenstherapie, in der Kunsttherapie, in der Provokativen Therapie und dem daraus entwickelten Provokativen Stil. Ein weiterer Beitrag beschreibt die hypnosystemische Arbeit mit humorvollen inneren Bildern. Humor wird in einem Beitrag auch als Copingstrategie gesehen, es wird außerdem ein Humortraining mit psychiatrischen Patienten dargestellt, es wird der Humor in der Behandlung von kranken alten Menschen beschrieben, es wird auf Lachgruppen und verschiedene Lachübungen verwiesen und schließlich auch die Arbeit von Clowns in Kinderkliniken und Pflegeheimen beleuchtet. Zum Schluss verrät der Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen, wie man Pointen professionell serviert.

Mit einem Wort: Es wird in diesem Buch ein breites Spektrum zu einem grundmenschlichen Phänomen geboten.

Im Folgenden einige Inhalte, die noch neugieriger machen auf diese Lektüre: Die Verbindung von Humor und Charakterstärke wird unterlegt mit empirischen Befunden (S 17ff); erstaunlich präzise Zuordnungen gibt es in Bezug auf aktivierte Gebiete des Gehirns (Abb. 2.1 auf S 35) beim Erstaunen über Inkongruenz, beim Erkennen der Pointe, bei der emotionalen Beurteilung bei der Erheiterung und bei der Aktivierung der Gesichtsmuskeln; aufgezeigt werden Möglichkeiten und Grenzen von Humor bei Depression, Burn out, Schizophrenie, Angst, Demenz, Autismus..(S 55-60); überraschend und einleuchtend ist der Hinweis, dass Humor in der Psychotherapie wichtig, aber Ironie als Missverstehen provozierende Zweideutigkeit zu meiden ist (S 74f); subtile Überlegungen gibt es zu den Bedingungen für Humor in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen, wobei auch die jeweils vorliegende Psychopathologie berücksichtigt werden muss (S 84ff); sympathisch und zu einem nachdenklichen Schmunzeln verführt die Darstellung der Humorwerkstatt mit alten Menschen: Das Einheitern durch spielerische Aktionen, die Schmunzelrunde mit Lesungen oder gegenseitigen Erzählungen lustiger Erlebnisse und der Einstieg in unbeschwerte Kindheits- und Jugenderinnerungen - die glücklichen Fenster des Lebens (S 93ff); ein nachdenklich stimmendes Fallbeispiel über eine verschnupfte Jungfrau Maria im Traum (S 107); der Witz als Vorstufe der ernsthaften Problembearbeitung in der Gruppe (S 118); eine interessante, originelle Verwendung des Humors als Differenzialdiagnostikum zwischen (humorfähigen Menschen bei) dissoziativen Störungen bzw. Borderlinepathologie und (nicht humorfähigem) konkretistischen Denken bei Psychose (S 122); Situationen, in denen witzige Einfälle kontraindiziert sind (S 144); die sieben aufzubauenden Humorgewohnheiten (z.B. Kultivieren einer spielerischen Haltung, den Humor mitten im Stress finden) (202-215); die Erhebung eines Lach- oder Humorstatus und einer Humoranamnese, wobei es sehr originelle Fragen zum Sin für Humor gibt (S 236f) sowie Anregungen für schmerzreduzierenden und genesungsfördernden Humor im häuslichen und im institutionellen Bereich (239), das Humordrama zur Behandlung von Menschen, die permanent fürchten, ausgelacht zu werden (S 266ff).

Es sind dies, wie gesagt, nur Beispiele aus den Beiträgen und ihre Wahl oder Nicht-Wahl drückt keine Wertung, sondern nur das, was den Rezensenten besonders angesprochen hat. Die Beispiele genügen aber, um zu demonstrieren, wie vielfältig, facettenreich das Plädoyer für Humor in der Psychiatrie und Psychotherapie gestaltet wurde.

Eine kleine Anregung sei dem Rezensenten gestattet. Was in dieser umfassenden Darstellung von Humor, Witz, Ironie etc. mehr Würdigung verdienen würde, ist eine Dimension, die man als die "Weisheit des Witzes" bezeichnen könnte. Es ist die philosophische Pointe des Witzes: Witze transportieren nicht nur Botschaften des Unbewussten oder sind nicht nur der Stimulus für eine Aktivierung eines neurobiologischen Netzwerks - Witze sind Demonstrationen der Lebensweisheit. Ein kleines Beispiel: Der Lehrer fragt:" Karl, wem in deiner Familie siehst du ähnlich?" Karl antwortet:" Vorn, Herr Lehrer, meinem Vater, hinten allen meinen Verwandten!" Die Pointe ist: Unterschiede oder Ähnlichkeiten sind eine Frage der Perspektive! Damit ist eine Lebensweisheit ausgesprochen, die über die einzelne Person und die einzelne Situation hinaus Gültigkeit besitzt und gerade deshalb an die konkrete Person und Situation angelegt werden kann. Wild schreibt: "Humorvolle Gedanken öffnen ein Fenster der Möglichkeiten, einen inneren Raum des Ausprobierens.." (S 54). Titze deutet die kognitive Auflösung starrer Denkmuster durch den Witz an (S 253): "Es lassen sich neuartige Zusammenhänge herstellen und innovative Entscheidungsprozesse fördern." Er spricht auch vom Kipp-Phänomen: "So kann ein Perspektivenwandel erfolgen, der peinliche Normbrüche von vornherein als erheiternde Komik erscheinen lässt." (S 266). Sachsse meint, dass der Humor ein Signal für ein Spiel zwischen Therapeuten und Patienten ist, "beide gemeinsam begeben sich in den Spielraum, den Übergangsraum, den Mentalisierungsraum, den Raum des Als-Ob, den Pretend- Modus." (S 132)

Die Weisheit des Witzes geht noch einen Schritt über die durch den Witz erreichbare kognitive Flexibilisierung hinaus, betrachtet man "Witz und Humor als Lehrmeister der Lebensbewältigung" , wie dies der Rezensent 1995 formuliert hat (in: Kurz W und Sedlak F, Kompendium der Logotherapie und Existenzanalyse. Tübingen: Verlag Lebenskunst: S 387-392) .

Die Weisheit des Witzes könnte z.B. das 7Punkte Coping-Konzept von McGhee erweitern auf das 7+1 Humor-Habits-Trainingsprogramm. Das +1 wäre die Anweisung, in den Witzen die Weisheit aufzuspüren und diese auf die momentane Lebens- bzw. Problemsituation anzuwenden.

Oder eine andere Möglichkeit: Anhand von Lieblingswitzen (auch im vorliegenden Buch) könnte darüber nachgedacht werden, welche Lebensweisheit vermutlich persönlich leitend war und ist.

Die Herausgeberin empfiehlt – berechtigt - das Buch allen, die Humor haben und ihn bei ihrer Arbeit einsetzen möchten, denn zum Lernen und Lachen gibt es in diesem Buch eine ganze Menge!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
28.11.2011
Link
https://www.edugroup.at/praxis/portale/psychologie-und-philosophie/news/detail/humor-in-psychiatrie-und-psychotherapie.html
Kostenpflichtig
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