Kinder und Jugendliche im Gefühlschaos

Vom Autorenpaar Alice und Martina Sendera gibt es bereits zwei Bücher (2005 und 2010), deren dichte und gründliche Thematisierung des Umgangs mit Borderline-Pathologie und posttraumatischen Störungen vom Rezensenten gelobt wurde. Das neue Buch von Alice Sendera (Pädagogin, Psychologin und...

Buchtitel: Kinder und Jugendliche im Gefühlschaos. Grundlagen und praktische Anleitungen für den Umgang mit psychischen Auffälligkeiten.
Autorinnen: Sendera A u Sendera M
Verlag: Springer
Erschienen: 2011

...Psychotherapeutin) und Martina Sendera (Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin) hat fünf Teile: Der 1. Teil befasst sich mit der Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter, der 2.Teil setzt sich mit verschiedenen Störungen im Kindes- und Jugendalter auseinander. Im dritten Teil werden die Reformpädagogik und alternative Schulsysteme dargestellt, im 4.Teil werden verschiedene Übungen, Skills und Strategien beschrieben. Den abschließenden 5.Teil bildet eine Literatur-Werkstätte mit einer Sammlung von Märchen.

Als anregende Lektüre besitzt das Buch viele Positiva: Es werden sehr viele Informationen geboten, vor allem wird der lobenswerte Versuch einer Synopse verschiedener Wissenschaften unternommen: Psychologie, Neurobiologie, Genetik, Sozialwissenschaften, Psychiatrie, Psychotherapie und Pädagogik werden in einen komplexen Zusammenhang gebracht. Die Ausführungen werden unterlegt mit den Kriterien internationaler Klassifikationssysteme. Wichtige, diagnostische Checklisten und Verhaltens-Hinweise erfolgen z.B. zu Entwicklungsphasen wie der Pubertät, zu Störungsbildern wie Suizidalität oder Angst, Hinweise, die besonders für Lehrer hilfreich sein können (z.B. auf Seite 296f wie können Lehrer oder nicht-betroffene Familienmitglieder bei Sucht helfen?).

Die Autorinnen bezeichnen ihr Werk nicht als Lehrbuch, allerdings auch nicht als ein Lesebuch, sie müssten sich daher überlegen: Will das Buch ein Lesebuch sein oder Lehrbuchqualität aufweisen? Für ein Lesebuch liegt mit diesem Werk ein vielfältiges anregendes Material vor, für ein Lehrbuch wären bei einer weiteren Auflage formale und inhaltliche Nachbesserung notwendig. Einige Vorschläge dazu: 1) im Inhaltsverzeichnis und in der Binnengliederung fällt auf, dass im Text anstelle einer hierarchischen Ordnung der Überschriften meist eine gleichwertige Nacheinander-Darstellung gewählt wird, d.h. die Teilüberschriften sind kaum oder überhaupt nicht von den Hauptüberschriften zu unterscheiden - kein Manko für ein Lesebuch, wohl aber für ein Lehrbuch; demgegenüber findet sich bei gleichen Wertigkeiten eine strukturelle inhaltliche Variabilität, die bei einem Lesebuch als Lebendigkeit empfunden werden wird, bei einem Lehrbuch aber unruhig wirkt: Bei der Beschreibung der einzelnen Störungsbilder ist nämlich keine systematisch einheitliche Gliederung erkennbar , sie werden einmal eingeleitet mit Entwicklungsdefiziten, dann wieder mit Symptomatik, ein anderes Mal mit Ursachen und Konzepten, ein weiteres Mal mit diagnostischen Kriterien usw. Eine gleich gehaltene Strukturierung wäre aber sicher von Vorteil, sollte das Buch Lehrzwecke verfolgen. Allerdings muss gesagt werden, dass die Haupt-Intention der multiplen Perspektive (Psychologie, Neurobiologie, Genetik etc.) immer berücksichtigt wird.

2) Für ein Lesebuch wird es außerdem als ein mutiges Eingeständnis unterschiedlicher thematischer Erfahrungsbreite der Autorinnen gelten können, dass der Umfang der einzelnen Störungsbeschreibungen ganz unterschiedlich ausfällt: Z.B. ADS/ADHS werden über 60 Seiten Text plus 13 Seiten Anhang gewidmet, den Angststörungen aber nur 8 Seiten, die affektiven Störungen erhalten mit 50 Seiten viel Raum, die somatoformen Störungen mit 8 Seiten wenig Raum; die umschriebene Entwicklungsstörung, reaktive Bindungsstörung und die Lese- und Rechtschreibschwäche erhalten zusammen 7 Seiten. Für eine Orientierung an einem Lehrbuch müsste die quantitative Zuteilung nachjustiert werden, d.h. gleichartig oder zumindest repräsentativ erfolgen.

3) Für ein Lesebuch ist die Begriffsgenauigkeit weitgehend ausreichend, Manches Inhaltliche müsste aber bei Lehrintentionen nachbearbeitet werden, z.B. müsste auf Seite 360 dem Umstand Rechnung getragen werden, dass der Begriff "Autogenes Training" nur den Übungsbestandteil der Autogenen Psychotherapie bezeichnet , die Entspannung nur als Vehikel für die persönliche Analyse verwendet wird und daher die Autogene Psychotherapie nicht unter Entspannungstechniken angeführt werden sollte.

Oder ein anderes Beispiel: Die Auseinandersetzung mit "Resilienz" sollte entweder gänzlich wegbleiben oder entsprechender dimensioniert werden. Auf Seite 67 wird unter der Überschrift ein Satz angeführt, der auf eine spätere Befassung hinweist. Diese erfolgt auf Seite 275 ff. Hier wird Resilienz nur knapp dargestellt (Beschränkung auf ein Konzept) und die eigentliche Frage nicht behandelt: Worauf ist bei ungünstigen Bedingungen die Resilienz zurückzuführen? Sprachlich und inhaltlich überarbeitet muss auch die Definition der Resilienz werden: " Resilienz bedeutet nicht, keine Erkrankungen bekommen zu können, sondern einen anderen, positiven Umgang damit, sowie eine geringere Wahrscheinlichkeit, im Vergleich zu vulnerablen Menschen." (S 278).

Ein drittes Beispiel: Auf Seite 140 wird wahrscheinlich aus dem Umstand, dass keine fehlenden Sprachfertigkeiten vorlägen, gefolgert, der Mutismus sei keine Kommunikationsstörung. Gerade die fehlende somatische Ursache ist aber ein Definitionsbestandteil des Mutismus als psychogener Kommunikationsstörung. Dies wissen die Autorinnen aber auch: Sie schreiben 7 Zeilen oberhalb von der Aussage, Mutismus sei keine Kommunikationsstörung, " Wir verstehen darunter eine emotional bedingte Störung der sprachlichen Kommunikation" (S 140).

4) In einem Lesebuch können die Bilder Impulse für eigene Erinnerungen sein. Für ein Lehrbuch müsste berücksichtigt werden, dass die vielen Abbildungen nicht immer selbsterklärend sind, sondern einer Erläuterung bedürften. Ebenso bedürfte es einer Aussage am Anfang darüber, welche (gesicherten oder hypothetischen) Annahmen (über die Genese oder Aufrechterhaltung oder Verstärkung von Psychopathologien über die Schule) zugrunde liegen, wenn in einem Buch über psychische Störungen ein Kapitel über Reformpädagogik aufscheint.

5) Die Übungsanregungen können in einem Lesebuch als Aufforderungen zum Ausprobieren gelten, sie müssten in einem Lehrbuch aber auf die "Kindgemäßheit" überprüft werden. Die Autorinnen leiten ja ihre Erfahrungen aus der Erwachsenentherapie ab und hier besteht die Gefahr eines adultomorphen bias', man projiziert die Erwachsenenwelt in die Kinder hinein. So ist z.B. die Anweisung zum Achtsamkeitstagebuch möglicherweise nicht kindgemäß: "Notiere täglich alle Dinge, die Dir besonders aufgefallen sind, versuche sie nicht zu bewerten, sondern einfach nur genau zu beschreiben.." (S 378) Es gibt etliche Übungen im Buch, die den Adressaten gerecht werden, d.h. dem Verständnis und von Kindern und Jugendlichen angemessen sind.

6) In einem Lesebuch sind die vielen Märchentexte eine Bereicherung. Bei den im Buch in einer bestimmten Absicht verwendeten Märchen müsste bei einem Lehrbuch ergänzt werden, dass eine thematische Festlegung über die Aussage des Märchens immer nur temporär sein kann. Märchen sind symbolhaft zu verstehen und haben daher (fast unendlich) viele Auslegungsmöglichkeiten. Die Autorinnen haben z.T. sehr originelle Verwendungen und Deutungen der Märchen parat. Z.B. das Volksmärchen (S 24) über das bucklige Mädchen, das erst nach seinem Tod als Engel, dem Flügel aus dem Buckel wachsen, wieder eine Bindung zur ebenfalls verstorbenen Mutter herstellen kann, bedarf einer dringenden Begründung seiner Auswahl. Oder z.B. die Deutung des Grimmschen Märchens "Das Mädchen ohne Hände" als Spiegel der patriarchalischen Unterdrückung der Frau (S 427 ff) bedarf des Hinweises auf die nicht zwingende, sondern hier eben getroffene Interpretationswahl.

Fazit: Es kann derzeit nicht von einem Lehrbuch, aber von einem anregenden Lesebuch gesprochen werden, das aus vielen Perspektiven die Psychopathologie von Kindern und Jugendlichen betrachtet und deren emotionale Probleme nachvollziehbar macht. Für speziell Interessierte werden auch die geschilderten Therapieansätze, insbesondere die vorgeschlagenen Methoden der noch jungen Dialektisch-Behavioralen Therapie, Einblicke bieten! Die anspruchsvolle Absicht einer Synopse aus Neurobiologie, Psychologie, Genetik, Pädagogik, Psychotherapie sollte Nachahmung finden!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
02.12.2011
Link
https://www.edugroup.at/praxis/portale/psychologie-und-philosophie/news/detail/kinder-und-jugendliche-im-gefuehlschaos.html
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