Wir werken! Chancen und Perspektiven des Unterrichtsgegenstandes Technisches und textiles Werken

Die bmukk-Broschüre zum Themenfeld "Gender und Werken" vom Dez.2012 erläutert - unter Berücksichtigung der Kategorie Gender - die Hintergründe der Zusammenführung der zuvor getrennten Unterrichtsgegenstände zu einem einzigen Fach "Technisches und textiles Werken" an der Neuen Mittelschule (NMS).

   Seit dem Schuljahr 2012/13 werden laut Verordnung in den NMS die bisher alternativen Wahlpflichtfächer „Technisches Werken“ und „Textiles Gestalten“ als gemeinsames Fach “Technisches und textiles Werken“ für alle SchülererInnen unterrichtet. Diese Entscheidung bedeutete die wahrscheinlich tiefgreifendste Veränderung für beide Fächer seit deren Bestehen.

  Zur didaktischen Begründung der Zusammenlegung von Textilem und Technischen  Werken und zur inhaltlichen Gestaltung eines neuen, zusammengelegten Unterrichts wurde die Broschüre „Wir Werken“! im Dezember 2012  herausgegeben - eine auch im Download abrufbare Publikation des bmukk, Abteilung GM (Gender und Schule), verfasst von Evelyn Sutterlüti.

 In der Broschüre fordert die Autorin eine Verschmelzung der beiden Fächer über traditionelle Geschlechterrollen hinweg. Ziel der Handreichung „Wir Werken“ ist, das bisher Trennende der beiden Fächer, die als geschlechtsstereotype Tätigkeitsfelder mit „männlich“ bzw. „weiblich“ gleichgesetzt wurden und werden, durch das Konzept des gendergerechten Unterrichts zu überwinden.

 Durtch die Zusammenführung der beiden Unterrichtsgegenstände soll einen „identischen und zeitgemäßen Bildungskanon“ unabhängig vom Geschlecht ermöglicht werden (S.7). Die Autorin macht in diesem Zusammenhang auf „Genderfallen“ in der Unterrichtspraxis aufmerksam, wie z.B. unterschiedliche Leistungserwartungen des Lehrers gegenüber Mädchen bzw. Buben.

  Für einen gendergerechten Unterricht werden methodische Anregungen gegeben: Die Autorin betont „prozessorientiertes Werken“ und verzichtet auf exakte Problemstellungen, auf einschränkende Materialvorgaben und Verfahrensweisen. Sie legt weniger Wert auf ein exakt definiertes, genau bestimmtes Werkstück (S.9). Die als "briefing" genannten Kurz-Vorgaben (eine Diktion aus dem Bereich des Werbedesigns) sollen weitgehende offene Lösungen für Schülerinnen und Schüler ermöglichen.

 Als inhaltlich-thematische Schwerpunkte werden in dieser Broschüre vorwiegend gestalterische Themenbereiche genannt, die recht einfach einen gemeinsamen Bereich von TEW und TEX herstellen und eine inhaltliche Zusammenarbeit der bisheriogen Fächer ermöglichen können. Eine inhaltliche Abgrenzung des neuen gemeinsamen Faches zum BE-Unterricht, wo bekanntlich ebenfalls die Betrachtung und Gestaltung von Produktdesign thematisiert wird (vgl. Schulbuch Dabringer u.a.: „Augen auf“ Bd. 2, S. 60 ff.), ist dadurch wenig erkennbar.

 Der methodische Ablauf entspricht weitgehend dem Gestaltungsprozess in der Designdidaktik, dem Design Thinking: Aus einer allgemeinen kulturellen Recherchephase resultiert die weitgefasste praktische Aufgabenstellung (briefing), die auf einen bestimmten Fokus des Gestaltens oder eine bestimmte Zielgruppe bezogen ist. Die Schüler agieren ähnlich der Rolle des Designers eines Unternehmens. Die offene Aufgabe, das Thema, wird allgemein und unverbindlich formuliert, um auch im Sinne der Gendergerechtigkeit (subjektive) Freiheit für möglichst viele kreative Lösungen zu ermöglichen (S.9). Die gemeinsamen Gestaltungslösungen werden am Schluss präsentiert, allerdings ohne zuvor genau formulierte, objektiv überprüfbare Kriterien, nach denen die Produkte beurteilt werden.

  Der Bereich Technik ließe sich mit einem rein gestaltendem Konzept kaum erfassen. Der technikdidaktische Prozess, das technische  Denken wie dies bereits bei Zankl umrissen und in den internationalen Bildungsstandards („Standards for Technological Literacy“ und „Bildungsstandards Technik“ des VDI) ausgeformt wurde, betont die funktionalen, objektiven Sachkompetenzen (=„mehrperspektivischer Didaktikansatz“): Brücken z.B. sind in ganz bestimmter Weise konstruiert und müssen etwas objektiv aushalten. Es bedarf der exakten technischen Analyse, eines ausreichenden Sach- und Strukturwissens sowie des Erkennens technischer Probleme um daraus Lösungsideen  zu gewinnen.

 Das größte Problem ist freilich der Zwang zur Reduktion im zusammengelegten Fach: Sowohl Technisches wie auch Textiles Werken lebten von ihrer Vielfalt. Eine verordnete Zusammenlegung, in welcher Form auch immer, bringt notgedrungen einen Kompromiss zwsichen den bisherigen Fachbereichen Textil und Technik, die Reduktion von Fachinhalten und Qualität ist unumgänglich.

Ein neu gestaltetes Fach müsste bei der Auswahl von gemeinsamen Inhalten den Spagat zwischen Gestaltung und Technik tatsächlich vollziehen können. Wie bereits im Einleitungstext des neuen NMS-Lehrplans (S.81) formuliert, wäre das Ziel ...„die gleichwertige technische und gestalterische Kompetenzentwicklung für beide Geschlechter und damit auch eine Erweiterung der beruflichen Perspektiven“. 

Website mit Download

 

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
01.12.2012
Link
https://www.edugroup.at/praxis/portale/werken-technisch/rahmen-bedingungen/detail/wir-werken-chancen-und-perspektiven-des-unterrichtsgegenstandes-technisches-und-textiles-werken-2.html
Kostenpflichtig
nein