Gesamtschule oder differenziertes Schulsystem?

Haben alle Kinder die selben Chancen oder begünstigen Wohnort, Herkunft oder Beruf & Ressourcen der Eltern bestimmte Gruppen? Welches Schulsystem eignet sich besser, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden? Die Gesamtschule oder doch das differenzierte Schulsystem?

Was ist gerechter - Gesamtschule oder das differenzierte Schulsystem?


Dieser Frage ging die Österreichische Forschungsgemeinschaft (ÖFG) am 22. und 23. September in Innsbruck nach. "Das Thema Bildungsgerechtigkeit - Gesamtschule oder differenziertes Schulsystem - ist gerade in Westösterreich ein aktuelles und viel diskutiertes", so der Präsident der ÖFG, Dr. Karlheinz Töchterle. Der Bildungsforscher Dr. Helmut Fend plädiert für den Ausbau der Neuen Mittelschulen anstatt sich der Gesamtschuldiskussion hinzugeben. Dr. Kai Maaz, vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, sieht eine "zukunftsfähige Struktur" im Zentrum, ob das ein Gesamtschulsystem oder ein differenziertes Sekundarschulsystem ist, ist für ihn nicht das Entscheidende. "Wichtig ist, [...], dass diese Reformen den Rückhalt bei allen Beteiligten haben, bei den Lehrkräften, bei den Schulleitungen, bei den Eltern und letztendlich auch bei den Kindern", so Maaz.

Dr. Helmut Fend: Neue Mittelschulen stärken anstatt gegen Gymnasien kämpfen


Bildungsforscher Dr. Helmut Fend analysierte bereits vor Jahrzehnten die Auswirkungen von Gesamtschulen. Manchmal funktionierten sie, manchmal nicht. Welche Faktoren sind ausschlaggebend für das Gelingen einer gemeinsamen Schule für alle? "Die Frage ist, in welche Richtung Gesamtschule wirken soll - mehr Chancengleichheit oder Verbesserung des Bildungsniveaus oder Förderung besonderer Problemgruppen. Gerade bei letzterem kann Gesamtschule sehr viel machen", so Fend. Derzeit würde er in Österreich aber von der Einführung abraten, sondern stattdessen die Neuen Mittelschulen weiter verbessern und "möglichst gut machen". "Ich würde das präferieren gegenüber einem Kampf um die Auflösung des Gymnasiums. Wir wissen aus internationalen Studien, dass die Frage der Bildungsgerechtigkeit nur marginal beeinflusst wird", erklärt Fend abschließend.

Dr. Kai Maaz: Leistungsunterschiede entstehen schon im frühkindlichen Bereich


Dr. Kai Maaz vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) sieht bei der Betrachtung von Bildungsungerechtigkeit den frühkindlichen Bereich im Fokus. "Das Entscheidende scheint mir zu sein, dass man sich zunächst vergegenwärtigt, dass die Ungleichheiten, die dann im Sekundarschulsystem durch unterschiedliche Schulbesuche deutlich werden, viel früher angelegt sind. Also Leistungsunterschiede entstehen nicht erst in der Schule", erläutert Maaz im Interview. Die Frage, ob die Gesamtschule oder die differenzierte Schule das bessere System ist, diese Ungleichheiten zu beseitigen, sei nicht die entscheidende Frage, es gehe vor allem darum, dass die Reformen, "den Rückhalt bei allen Beteiligten haben, bei den Lehrkräften, bei den Schulleitungen, bei den Eltern und letztendlich auch bei den Kindern".

Diskussionsrunde: Wie fair ist unser Bildungssystem?


Wie fair ist unser Schulsystem? Wie kann Schule gerechter werden? Ist die Gesamtschule der richtige Weg oder können Ungerechtigkeiten in der Bildung mit dem differenzierten Schulsystem besser gelöst werden? Diskutiert haben unter der Moderation von Wolfgang Geier:

Mag. Dr. Michael Schratz (School of Education / Uni Innsbruck): "Wir sind in einer Form von Unterricht, der es offensichtlich noch nicht schafft, tatsächlich jede einzelne Schülerin, jeden einzelnen Schüler zu erreichen, wo sie überhaupt förderbar sind."

Dr. Rainer Gögele (Obmann Verein "Pro Gymnasium"): "Konzentrieren wir uns doch auf die Dinge, die gemeinsam möglich sind und die auch finanzierbar sind."

Dr. Kai Maaz (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)): "Die Frage der Struktur ist wichtig, aber nicht die entscheidende!"

Dr. Gabriele Böheim-Galehr (PH Vorarlberg): "Es muss das Ziel sein, dass wir möglichst vielen Kindern Lebenschancen eröffnen und da lohnt sich einfach jede Anstrengung dafür."

Dr. Beate Palfrader (Bildungslandesrätin Tirol): "Ich präferiere die gemeinsame Schule bis 14, weil ich der Meinung bin, dass gerade in diesem Alter zwischen 10 und 14 sich Begabungen herausbilden."

Dr. Helmut Fend: Chancengleichheit im Lebenslauf


"Ich habe untersucht, wie sich die einzelnen Gesamtschulen unterscheiden. Dabei hat sich gezeigt, dass Schulunterschiede in vielen Dimensionen ungleich größer waren, als die Schulsystemunterschiede. Das hat dazu geführt, dass die Frage der Qualität der Einzelschule in den Vordergrund getreten ist", so der Bildungsforscher Dr. Helmut Fend. Fend hat zu dem Thema schon früh geforscht, ins Rollen ist es aber erst wieder durch die PISA-Studie gekommen. Denn dort wurde die Frage der Qualität von Kompetenzvermittlung im Bildungswesen mit der Frage der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit in Verbindung gebracht. Wie sich diese Ungleicheiten, auch wenn sie in jungen Jahren nur gering sind, auf den Lebenslauf auswirken, zeigt Fend anhand von zwei verschiedenen Studien.

Diskussion: Chancengleichheit im Lebenslauf


Nach dem Vortrag von Dr. Helmut Fend zum Thema "Chancengleicheit im Lebenslauf - Kurz- und Langzeitwirkungen von Schulstrukturen", hatte das Publikum die Möglichkeit dem Referenten Fragen zu stellen oder selbst einen Beitrag zur Thematik zu geben.

Dr. Ludger Wößmann: Mehrgliedrigkeit des Schulsystems und Chancengleichheit


Der Bildungsökonom Dr. Ludger Wößmann zeigt in seinen Ausführungen, dass sowohl das eingliedrige als auch das mehrgliedrige Schulsystem zu Ungerechtigkeiten führen kann. Schaut man aber genau hin, so lässt sich erkennen, dass ein mehrgliedriges Schulsystem diese Bildungsungerechtigkeit sogar noch fördert. Signifikant ist laut Wößmann aber, dass der Zusammenhang Schülerleistung/Elternhaus in jenen Ländern niedriger ist, in denen die Schüler erst in späten Jahren durch ein differenziertes Schulsystem getrennt werden.

Wößmann betrachtet in seinem Vortrag abschließend, welche Auswirkungen Schulreformen in verschiedenen Regionen hatten, Beispiele sind unter anderem Finnland, Deutschland, Schweiz und die Niederlande.

Als Fazit zieht Wößmann, dass frühe Mehrgliedrigkeit tendenziell verstärkt Bildungsungerechtigkeit hervorruft und es keine Belege für positive Effekte auf das Leistungsniveau gibt. Österreich und Deutschland sind mit der frühen Trennung (10 Jahren) internationale Ausnahmefälle.

Diskussion: Mehrgliedrigkeit des Schulsystems und Chancengleichheit


Dr. Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik München beantwortet im Anschluss noch Fragen des Publikums zum Thema Mehrgliedrigkeit des Schulsystems und Chancengleichheit.

Dr. Kai Maaz: Schulübergänge sozial gerecht und leistungsgerecht?


Vergleicht man Kinder von verschiedenen sozialen Schichten miteinander, ergeben sich Leistungsunterschiede und Unterschiede bei der Schulwahl. Kinder aus sozial schwächeren Schichten erbringen zum Beispiel schlechtere Leistungen, weil im Elternhaus Bildung einen niedrigeren Stellenwert hat, die Kinder weniger gefördert werden oder schlichtweg die Ressourcen fehlen. Zudem tritt noch ein weiteres Phänomen auf: Erbringen die Kinder aus den beiden Schichten die gleichen Leistungen, so hat das Akademikerkind eine höhere Wahrscheinlichkeit in ein Gymnasium zu gehen als das andere Kind. Somit hat ein sozial schlechter gestelltes Kind von Grund auf einen Startnachteil. Dr. Kai Maaz geht in seinem Vortrag auf Diskriminierungseffekte (beim Übergang von Volksschule in eine weiterführende Schule) bezüglich sozialer Herkunft ein und zeigt auf, wie Lehrkräfte diese erkennen und entgegenwirken können. "Soziale Herkunftseffekte beeinflussen den Übergang, entstehen aber viel früher, das ist meines Erachtens besonders wichtig, wenn man diesen Effekt abbauen möchte", so der Bildungsexperte vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF).

Diskussion: Der Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule


Der Vortrag von Dr. Kai Maaz handelte vom Übergang von der Volksschule in eine weiterführende Schule - ist dieser sozial gerecht und leistungsgerecht? Im Anschluss konnten noch Fragen zum Thema gestellt werden.

Böheim-Galehr/Hartmann: Die Schulen der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg


Wie sinnvoll ist die Weiterentwicklung einer Schule der 10- bis 14-Jährigen für das Bundesland Vorarlberg? Dr. Gabriele Böheim-Galehr von der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg stellt in ihrem Vortrag das Projekt "Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg" vor und präsentiert die wichtigsten Ergebnisse daraus. Aufgrund der umfangreichen Befragungen von Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrpersonen und den Überlegungen der jeweiligen Fachgruppen wurde folgende Empfehlung gegeben:

Für das Bundesland Vorarlberg wird mittelfristig landesweit die Einrichtung einer gemeinsamen Schule von der 5. bis zur 8. Schulstufe auf Basis von Individualisierung bzw. Personalisierung und innerer Differenzierung empfohlen. Dafür müssten aber die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, wie zum Beispiel die Ausbildung der Lehrkräfte, die Ausgestaltung der Schulautonomie, eine Intensivierung der Elternzusammenarbeit und eine Neudefinition der Schulsprengel.

Im Anschluss an den Vortrag geht MMag. Martin Hartmann (Land Vorarlberg / Abteilung Schule) noch auf die Umsetzung des Forschungsprojekts ein.

Die Studie: www.ph-vorarlberg.ac.at/index.php

Diskussion: Die Gesamtschule in Vorarlberg


Dr. Gabriele Böheim-Galehr (PH Vorarlberg) und MMag. Martin Hartmann referierten über das Projekt "Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg" bzw. deren Umsetzung. Im Anschluss konnte das Publikum den Referenten noch Fragen stellen. Ist es notwendig die Gesamtschule einzuführen? Will man äußere gegen innere Differenzierung tauschen?

Mag. Dr. Claudia Schreiner: Bildungsgerechtigkeit in Österreich


Die Bifie-Direktorin Mag. Dr. Claudia Schreiner beleuchtet die Ergebnisse der Standardüberprüfung Deutsch (teilweise auch Mathematik) für die 4. Schulstufe in Hinsicht auf Bildungsungerechtigkeiten. Für Schreiner entstehen (herkunftsbedingte) Chancenungleichheiten sowohl in Bezug auf den Kompetenzerwerb als auch in Bezug auf Bildungswege und - abschlüsse innerhalb von Schulen, zwischen Schulen, zwischen Schulformen, an den Übergängen aber auch außerhalb des Bildungssystems durch gesellschaftliche Prozesse.

Diskussion: Bildungsgerechtigkeit in Österreich


Nach den Ausführungen von Bifie-Direktorin Mag. Dr. Claudia Schreiner nutzte das Publikum noch die Gelegenheit Fragen zu stellen und persönliche Statements abzugeben.

Dr. Johannes Giesinger: Bildungsgerechtigkeit und die Kritik am differenzierten Schulsystem


Der Erziehungswissenschafter Dr. Johannes Giesinger beleuchtet in seinem Vortrag, ob die Gesamtschule gerechter ist als das differenzierte Schulsystem. Die Hauptkritik Giesingers am differenzierten System ist, dass die Selektion nicht allein nach Leistung oder Begabung erfolgt. Zudem hängt die aktuelle Leistungsfähigkeit bereits von familiären Voraussetzungen ab. Sein Vorschlag: "Acht plus vier": Acht oder neun Jahre gemeinsamer Unterricht für alle und dann drei oder vier Jahre Gymnasium oder Berufsbildung.

Diskussion: Bildungsgerechtigkeit und die Kritik am differenzierten Schulsystem


Der Erziehungswissenschafter Dr. Johannes Giesinger stellte sich nach seinem Vortrag "Bildungsgerechtigkeit und die Kritik am differenzierten Schulsystem" noch den Fragen des Publikums. Ist das Festhalten am derzeitigen Schulsystem nur die Verteidigung von Privililegien für die Oberschicht? Wie kann ein System aussehen, dass auch die hochbegabten Schüler adequat fördert? Ist es richtig, die Gymnasien aufzulösen? Diese und weitere Fragen werden in der Diskussion angesprochen.

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