Ein bisschen Pippi Langstrumpf sollten wir alle sein...

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wie viele Lindgren-Bücher haben Sie zuhause? Eins, zwei, fünf, acht? Ich muss gestehen: Mein Bücherregal schafft es auf 50 Stück (Tendenz steigend). Groß, klein, bunt (fast immer bunt), dünn, dick, manchmal richtig idyllisch Bullerbü und dann wieder räuberisch im Ronja-Stil.

Dass es ein Lindgren-Buch in meinem Regal nur in einmaliger Ausfertigung gibt, brauchen Sie sich von mir nicht erwarten. Von Pippi Langstrumpf kann man fast nicht nur ein einziges Exemplar haben. Da wären der klassische Sammelband, aber auch die einzelnen Bände separat. Nicht zu vergessen die "Ur Pippi" - das unzensierte, Jahre später herausgegebene Ursprungswerk der Autorin, und natürlich fremdsprachige Versionen davon. Ach, oder dann gibt es auch noch "Das entschwundene Land" in verschiedenen Varianten - das einzige Buch, das Astrid Lindgren für Erwachsene schrieb. Sie haben richtig gelesen: Hier hat Lindgren ein einziges Mal nicht für Kinder geschrieben, sondern sie erzählt die wunderschöne Liebes- und Lebensgeschichte ihrer Eltern und verrät, wo ihre berühmten Geschichten und Gestalten ihren Ursprung haben. Wenn Sie sich auch nur in geringster Weise für Astrid Lindgren interessieren oder - nein - auch wenn Sie sie nicht einmal kennen - kann ich Ihnen dieses Buch absolut ans Herz legen. Es ist das - meiner Meinung nach - wohl berührendste Werk von Astrid Lindgren.

So, nun aber Schluss damit, ich will hier keine Werbung für Lindgrens Bücher machen. Vielleicht haben Sie ein bisschen gemerkt: Die gute Frau Lindgren hat es mir angetan. Aber damit bin ich definitiv nicht alleine. Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich? Es wäre jedenfalls nicht zu verwundern, denn Astrid Lindgren ist nicht umsonst die berühmteste Kinderbuchautorin der Welt. Aber was um alles in der Welt hat diese Frau aus ihren Hunderten an Füllfedern gezaubert, dass sie sich so in unser Herz geschlichen hat?


Die Zauberformel

Wenn Sie mich fragen gibt es dafür eine einfache Antwort: Lindgren – ja und davon erzählte sie in all ihren Interviews, Biographien, etc. – hatte eine glückliche, behütete Kindheit. Und sie ist bis zu ihrem Tod im Herzen Kind geblieben. Astrid erlebte eine Kindheit, die geprägt war von Geborgenheit und Freiheit. Das Spiel stand ganz oben auf der Bedürfnisliste und dies wurde ihr und ihren Geschwistern auch in jeglicher Form gegeben – auf Wiesen, in Wäldern, in Hainen, auf Heuböden und in Scheunen auf dem Hof Näs bei Vimmerby in Schweden. In „Das entschwundene Land“ schildert sie: „Wir spielten und spielten und spielten, so dass es das reine Wunder ist, dass wir uns nicht totgespielt haben.“
Haargenau dieses Gefühl, das Astrid in ihrer Kindheit erleben und genießen durfte, spiegelt sich in ihren Geschichten wider. Ihr simpler Schreibstil, ihre heile behütete Welt, ihre roten idyllischen Häuschen, ihre Nestwärme und das Freiheitsgefühl... Tief aus ihrem Inneren schreibt sie sich tief in unser Innerstes. Sie spricht unsere Gefühle und geheimen Bedürfnisse an. Wo auch sonst ist es so idyllisch wie auf Bullerbü? Oder wer würde nicht liebend gerne Michel aus Lönneberga helfen, das Gatter zu öffnen und dafür eine Öre zu bekommen oder ihn aus dem Schuppen befreien, wenn er wieder mal eingesperrt wurde, weil er etwas ausgeheckt hat? Ach, würden wir nicht einfach wirklich auch gerne all das miterleben?

Dass Astrid Lindgren es ausschließlich fröhlich, unbekümmert und leicht im Leben hatte, kann man allerdings nicht behaupten. Im Gegenteil – es gab in ihrem Leben eine Zeit, die alles andere als eine Bilderbuchidylle war, was sie auch in ihren späteren, traurigeren Geschichten verarbeitete.

Ein Blick hinter die Idylle

Während ihres Praktikums bei der Ortszeitung „Vimmerby Tidning“ wurde Astrid Anna Emilia Ericsson – so ihre gebürtiger Name – mit 18 Jahren schwanger – und das vom Chefredakteur der Zeitung. Ein Skandal! Weil sie es allerdings ablehnte, den Vater des Kindes zu heiraten, traf sie den Entschluss Näs zu verlassen und zog alleine nach Stockholm, um dort eine Ausbildung zur Sekretärin zu machen. Nachdem es zu diesen Zeiten in Schweden generell verpönt war, ein uneheliches Kind zu bekommen, kämpfte Lindgren dafür, ihren Sohn in Kopenhagen in einer speziellen Klinik gebären zu können. Dies war eine Klinik, die keine offiziellen Meldungen über Geburten weitergab. Ihr Sohn Lars kam zunächst bei einer Pflegefamilie unter, den sie mit ihrem spärlichen Geld so oft es ihr nur möglich war besuchte. Dies war mitunter eine der schwierigsten Zeiten für die damals noch sehr junge, alleinstehende Frau. Sie sehnte sich nach nichts mehr, als ihren Sohn endlich zu sich holen zu können. Nach dem Abschluss der Sekretärinnen-Ausbildung ergatterte sie eine Stelle im „Königlichen Automobil-Club“, wo sie den dort tätigen Bürovorsteher Sture Lindgren kennenlernte. Am Namen lässt sich schwer leugnen, dass dieser Mann wichtig werden sollte für Astrid. Zwischen Sture und Astrid funkte es. Die beiden holten Lars zu sich, heirateten, zogen in eine gemeinsame Wohnung und brachten ein paar Jährchen später ihre gemeinsame Tochter Karin zur Welt.

Astrid war nicht nur glückselig, ihre beiden Kinder Lars und Karin bei sich zu haben und großziehen zu dürfen. Nein, ein Moment mit Karin entpuppte sich überdies als sehr bedeutsam für Lindgrens beruflichen Werdegang, der sonst vermutlich in ganz andere Bahnen verlaufen hätte können. Wäre nämlich die kleine Tochter einst nicht mit einer Lungenentzündung im Bett gelegen und hätte sie ihre Mutter nicht gebeten, ihr eine Geschichte zu erzählen, zum Beispiel von einer – hm ... welcher Name klingt denn lustig? – Pippi Langstrumpf, dann wäre wohl alles ganz anders gekommen...


Erzähl mir was!

Pippi Langstrupf also. Dieser Name kam Karin spontan in den Sinn und genau über diese und keine andere Figur wollte sie eine spontane Geschichte hören. „Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf!“, bat sie ihre Mutter. Da fiel der Apfel wohl nicht weit vom Stamm was die Fantasie betraf, denn Mama Astrid zögerte nicht lange und begann frei aus dem Bauch heraus eine Geschichte zu erzählen von einem frechen Mädchen, das Pferde in die Höhe heben konnte und in einer kunterbunten Villa mit Affe und Pferd lebte. Als sie die Geschichte später für ihre Tochter aufschreiben und ihr zum Geburtstag schenken wollte, empfand sie, dass die Geschichte doch eigentlich gar nicht mal so übel wäre. Selbstbewusst reichte sie jene bei einem bekannten schwedischen Verlag ein. Dieser beißt sich wohl heute noch ordentlich in den Allerwertesten, da er damals das Manuskript gnadenlos ablehnte. Er begründete die Absage damit, dass Kinder auf dumme Gedanken kommen könnten, wenn sie sich diese freche, selbstbewusste Pippi als Vorbild nehmen. Tja, erst bei einem zweiten Anlauf wurde Pippi Langstrumpf dann von einem anderen Verlag namens „Rabén & Sjögren“ wertgeschätzt und publiziert. Ein Meilenstein der Kinderbuchwelt!
Bei Rabén & Sjögren arbeitete die Autorin fortan auch halbtags als Lektorin und baute die Kinderliteraturabteilung auf. Nach Pippi Langstrumpf folgten viele weitere Bücher mit verrückten, idyllischen, frechen, räuberischen, detektivischen, phantasievollen und auch traurigen und tiefgehenden Geschichten, die unser Herz eroberten und nach wie vor erobern. Lindgren hat sich in unser Herz und in unsere Bücherregale geschrieben.



Das Kind in uns

Astrid verstarb 2002 im Alter von 94 Jahren – ein beachtliches Alter, wenn man bedenkt, welch Höhen und Tiefen, welch schöne Erlebnisse sie erfahren und Schicksalsschläge sie durchgemacht hat. Aber kein Wunder, dass sie solch ein stolzes Alter erreichte: Astrid kletterte schließlich noch im hohen Alter auf Bäume, so wie sie es als Kind tat. Sie hatte ein wichtiges Lebensrezept: Das innere Kind neben all dem Erwachsenenkram weiter leben zu lassen. Denn wie bereits Pippi Langstrumpf ihre Meinung über Erwachsene verrät: „Sie haben nur einen Haufen Arbeit und komische Kleider und Hühneraugen.“ So sei auch uns ans Herz gelegt, dass wir neben dem ganzen stressigen und hektischen Alltag einfach auch ein bisschen „frech und wild und wunderbar“ wie Pippi sein sollten. Seifenblasen in der Tasche haben und sie hervorziehen, wenn einem danach ist, an der Schaukel nicht vorbeigehen, sondern richtig hoch schaukeln, durch Pfützen hüpfen und alles vollspritzen, ganz viel Schokolade essen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, durch den Wald tollen ohne Ziel, sich über den ersten Schnee freuen und die weißen Flocken mit der Zunge einfangen. Es sind die Kleinigkeiten, an die wir uns wieder öfter entsinnen sollten.

Am 14. November 2017 würde Astrid ihren 110. Geburtstag feiern. Wie wäre es, wenn wir an diesem Tag unsere beliebte Kinderbuchautorin hochleben lassen? Und zwar, indem wir alle wieder einmal ein bisschen Kind sind – auf welche Art und Weise auch immer. Damit unsere Hühneraugen verschwinden…. ;-) Was sagen Sie dazu? Sind Sie dabei? :-)


Materialien zu Astrid Lindgren

  • Astrid Lindgren: Materialien für den Unterricht

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