Am Weg zu einer neuen Schul-Kultur

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Eine zentrale Frage für PädagogInnen: Womit kommen Kinder und Jugendliche in Berührung, in Schwingung, wenn sie es mit mir zu tun bekommen? Welche Erfahrungen sollen sie in der Begegnung mit mir machen?

Mit welcher Kultur kommen sie in Schwingung? Womit kommen Kinder und Jugendliche, die eine Schule für bestimmte Zeit betreten, in Resonanz?

Derzeit ist das Phänomen der Resonanz in der Pädagogik wie im gesellschaftlichen Miteinander ein großes Thema. Wir wissen heute aus der Bindungsforschung gleich wie aus den Erkenntnissen der Neurobiologie, dass Bildung nicht über Begriffe entsteht, sondern über das Mitschwingen (Resonanz). Werte, die wir nicht leben, können wir nicht vermitteln. Wer Bildung will, muss Beziehung schaffen (Hüther 2016; Rosa 2016). Claus Otto Scharmer bringt es auf den Punkt, wenn er sinngemäß sagt: Der Erfolg, von dem, was ich tue, hängt ab vom inneren Ort, aus dem heraus ich es tue (Scharmer 2009, S 29ff).

So stellte ich am Beginn meiner Arbeit als Pflichtschulinspektor allen meinen Führungskräften im Dialog zwei für mich sehr entscheidende Fragen:

  1. Womit kommen junge Menschen, Mitarbeiter, Eltern in Resonanz (Schwingung), wenn sie es mit dir zu tun bekommen? Welche Erfahrungen machen junge Menschen in der Begegnung mit dir?
  2. Womit kommen junge Menschen, Eltern, Mitarbeiter in Resonanz, wenn sie dein Schulhaus betreten? Mit welcher Kultur kommen sie in Schwingung?
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  • Ist es eine Kultur, ein Geist der Einladung oder Anordnung?
  • Ist es ein Geist der Achtung von Menschen oder Missachtung von Menschen?
  • Ist es eine Kultur der Individualität oder Konformität, Anpassung?
  • Ist es ein Geist der Freude oder des Jammerns?
  • Ist es ein Geist der Gestaltung oder der Verwaltung?
  • Ist der Grundton ein Ton des Vertrauens oder Misstrauens?
  • Spüren Menschen eher eine Leichtigkeit des Seins oder kommen sie mit einer Schwere des Seins in Resonanz?

Marianne Gronemeyer spricht in Bezug von Schule von einem inneren Ort, an dem Menschen nicht dürfen, was sie sollen (Gronemeyer 2014). Worin zeigt sich dies konkret?

  • Jugendliche sollen lernen, sozial und kooperativ, rücksichtsvoll und solidarisch zu sein.
    Aber: Sie stehen in einem fortwährenden Konkurrenzkampf mit anderen und werden belohnt durch das Scheitern anderer.
  • Jugendliche sollen aufmerksam bei der Sache sein.
    Aber: In Wirklichkeit zerhackt/zerstreut der 50-minütige Stunden-Takt die Hingabe an einen Lerninhalt. Hingabe bedeutet Selbstvergessenheit, die Zeit und Raum auflöst. Die Glocke in der Schule ist für junge Menschen das sichere Zeichen, sich auf eine Sache nicht einzulassen.
  • Jugendliche sollen Verantwortung übernehmen.
    Aber: Sie leben in einer Schulwelt, in der es kaum etwas zu verantworten gibt.
  • Jugendliche sollen Vertrauen und Zuversicht haben.
    Aber: Sie erfahren Misstrauen, Kontrolle und Überwachung.
  • Jugendliche sollen kreativ und erfinderisch sein.
    Aber: Sie werden mit Stoff zugeschüttet. „Lehrer sind die größten Dealer. Sie denken nur an den Stoff.“
  • Jugendliche sollen Leistungen erbringen.
    Aber: Sie erfahren tagtäglich, dass es auf sie als Mensch nicht ankommt. Darin werden sie nicht angefragt.
  • Jugendliche sollen redlich und aufrichtig sein.
    Aber: Sie müssen sich präsentieren, Schwächen und Scheitern gut „kaschieren“.
  • Jugendliche sollen sich zu Persönlichkeiten entwickeln.
    Aber: Sie erfahren, dass Anpassung gefragt ist und nicht wer sie sind, sondern wie viel sie kosten.
  • Jugendliche sollen mutig sein.
    Aber: Sie werden mit Sicherheitsvorkehrungen umstellt, die jede Eigenmächtigkeit austreibt.
  • Jugendliche sollen lernen.
    Aber: Sie dürfen/sollten keine/bis wenige Fehler machen. Eine Kultur des Fehlers als eine Chance des „Anders-Machens“ fehlt.
  • Jugendliche sollen Respekt und Achtung lernen.
    Aber: Sie werden missachtet und beschämt.
  • Jugendliche sollen Inklusion/Vielfalt leben.
    Aber: Sie werden mit Noten selektiert.
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Wir brauchen also eine Schule, die geprägt ist vom Verständnis für junge Menschen, geprägt von einem „lernseitsorientierten“ (Schratz 2012, S 21ff) Unterricht (aus einem Unter-richten wird ein Auf-richten), eine Schule, die dem Wesen der Person gerecht wird, eine Schule, in der das Sosein, d.h. meine Eigenart gelebt werden darf, immer aus der Möglichkeit heraus auf dem Hintergrund der Wirklichkeit.
Der Person annähernd gerecht zu werden, das wäre Gerechtigkeit im System! Die Schule müsste also ein Ort sein, an dem das Fehlermachen geübt wird. Junge Menschen können nur aus Fehlern lernen, wenn sie dafür nicht beschämt werden und werden so ermutigt, sich in ihrem Leben zu erproben.

Schule und personale Begegnungen durch Persönlichkeiten

„Die Zeit ruft nach „Persönlichkeiten“, aber sie wird solange vergeblich rufen, bis wir die Kinder als Persönlichkeiten leben und lernen lassen, ihnen gestatten, einen eigenen Willen zu haben, ihre eigenen Gedanken zu denken, sich eigene Kenntnisse zu erarbeiten, sich eigene Urteile zu bilden; bis wir, mit einem Wort, aufhören, in den Schulen die Rohstoffe der Persönlichkeit zu ersticken, denen wir dann vergebens im Leben zu begegnen hoffen.“ Ellen Key, schwedische Reformpädagogin (1992, S 161)

Junge Menschen brauchen Personen, die sich auf sie einlassen, mit ihnen in den Dialog treten, in dem die Freiheit und keine Macht spürbar wird. Sie möchten nicht belehrt werden, sondern in ihrem „Dialoghunger“ ernst genommen werden.
Letztlich geht es in der Schule um eine Kultur, um Grundschwingungen, die in folgendem Vierklang zum Ausdruck kommen:

  • junge Menschen einladen
  • junge Menschen ermutigen
  • junge Menschen inspirieren
  • junge Menschen ermächtigen, damit sie in ihre Kraft kommen.

Literatur

Gronemeyer; Marianne, Vortrag: „Muss die Schule entwickelt oder unschädlich gemacht werden“ in Tramin/Rechtenthal, April 2014
Juul, Jesper/Jensen, Helle, Vom Gehorsam zur Verantwortung. Für eine neue Erziehungskultur. 3. Aufl. Weinheim (Basel: Beltz).
Hüther, Gerald, Mit Freude lernen – ein Leben lang. Weshalb wir ein neues Verständnis vom Lernen brauchen: Sieben Thesen zu einem erweiterten Lernbegriff und eine Auswahl von Beiträgen zur Untermauerung, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2016.
Key, Ellen, Das Jahrhundert des Kindes. Übertragung von Francis Maro. Deutsche Erstausgabe 1902, neu herausgegeben: Weinheim und Basel (Beltz Verlag) 1992.
Rosa, Hartmut/Endres, Wolfgang, Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert, Weinheim (Beltz) 2016.
Scharmer, Claus Otto, Theorie U. Von der Zukunft her führen [Öffnung des Denkens, Öffnung des Fühlens, Öffnung des Willens; Presencing als soziale Technik], Heidelberg (Carl-Auer- Verlag) 2009.
Schratz, Michael/Schwarz, Johanna F./Westfall-Greiter, Tanja, Lernen als bildende Erfahrung. Vignetten in der Praxisforschung, Innsbruck (Studien Verlag) 2012.

    


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