Geschichte von Dietmar

(c) Thinkstock/iStock/Ivannag82
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Ich erinnere mich, ich war Klassenvorstand einer 3. und 4. HS-Klasse. Damals, lange bevor ich Betreuungslehrerin wurde (BetreuungslehrerInnen waren in unserer Gegend noch gar nicht bekannt) – es war eine Zeit, in der SchülerInnen im Allgemeinen das gemacht haben, was man von ihnen erwartet hat.

Im Allgemeinen. Ein Schüler nicht. Dietmar. Er machte Sachen, die heute vielleicht viele Kinder machen, aber damals nicht. Ständige Störungen im Unterricht. Nicht zu übersehen und nicht tolerierbar. Er hatte ein extrem riskantes Freizeitverhalten, er gefährdete sich selbst und stiftete andere an, mitzumachen.

MitschülerInnen und auch Eltern beschwerten sich darüber. Wenn er was verboten bekam, probierte er etwa Neues aus. Dabei war erkennbar, dass er ein intelligenter Schüler gewesen wäre und dass seine Handlungen nicht unüberlegt waren. Das ganze LehrerInnenteam versuchte, Dietmar zu besseren Leistungen zu ermutigen. Ohne Erfolg.

Wie kann ich besser mit diesem Buben umgehen? Diese Frage beschäftigte mich tagelang und so manche Nacht.

Ich probierte viel aus, doch alles, was ich sonst mit SchülerInnen machte und funktionierte, funktionierte bei ihm nicht. Ich hatte den Eindruck, dass bei ihm überhaupt nichts fruchtete. Letztendlich verließ er die Schule mit einem sehr schlechten Abschlusszeugnis. Er wurde Hilfsarbeiter auf einer Baustelle. Ich hörte dann noch, dass er nach heftigen Auseinandersetzungen gekündigt wurde.

Ca. 15 Jahre später läutete es plötzlich an meiner Haustür. Dietmar stand mit einem großen Blumenstrauß vor der Tür. Er entschuldigte sich bei mir, dass er ein so schlimmer Schüler gewesen wäre und mir so viele Unannehmlichkeiten bereitet habe. Er meinte, wenn er heute noch einmal in die Schule gehen würde, würde er sich an die gut gemeinten Ratschläge halten. Dann hätte er sich erspart, dass ihm sein Meister auf der Baustelle sein "Kreuz gebrochen" hätte.

Weil er dort nicht mehr arbeiten konnte, hat er sich ernsthaft gefragt: Was fange ich mit meinem Leben an? Er besuchte die Abendschule und machte Matura, anschließend studierte er Psychologie und heute arbeitet er sehr gerne mit demenzkranken Menschen in einem Altersheim. Verhaltensauffällige Jugendliche hält er nämlich nicht aus.



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