Von Konservativ-Bürgerlichen und Digitalen Indiviualisten: Sinus-Milieu-Jugendstudie

(c) Thinkstock/Digital Vision
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Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft? Sind unsere Jugendlichen konservativ, individualistisch oder adaptiv-pragmatisch? Dieser Thematik widmet sich die aktuelle Sinus-Milieu-Jugendstudie 2014.

Bereits zum zweiten Mal haben INTEGRAL und T-Factory in Österreich eine detaillierte Untersuchung jugendlicher Lebenswelten auf der Basis der Sinus-Milieus® durchgeführt. Aus 32 teilweise mehrstündigen Explorationen mit jungen Österreichern sowie 1.000 Onlineinterviews, repräsentativ für die 14- bis 29-jährigen, ergibt sich ein vielschichtiges Bild der Alltagswirklichkeiten junger Menschen.

Die Generation der Krisenerfahrungen

Die Sinus-Milieu-Jugendstudie beschreibt Jugendliche, deren prägende Jahre in die Zeit nach 2000 fallen. Die Wertesozialisation dieser jungen Frauen und Männer ist geprägt durch eine Reihe von Krisenerfahrungen und Unkontrollierbarkeiten, wie beispielsweise 9/11, der Finanz- und Wirtschaftskrise und dem islamistischen Terror. Über all diese Krisen wird ausführlich diskutiert, alle Medien sind voll davon. Die bevorstehende Zukunft erscheint bedrohlich und schwer vorstellbar. Zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg gibt es nun eine Jguend, die damit rechnen muss, den Wohlstand ihrer Eltern nicht halten zu können. Jugendliche reagieren auf diese Umstände zum Teil mit Pragmatismus und Flexibilität. Sie konzentrieren sich auf ihr persönliches Wohlergehen und zeigen sich weniger an den großen Themen Modernisierung und internationaler Entwicklung interessiert. Und sie sind offenbar sehr widersprüchlich.

Den Durschnittsjugendlichen gibt es nicht

Coole Lifestyle-Kids, angepasste Streber, engstirnige Egoisten, hemmungslose Partytiger, Neo-Spießbürger, rücksichtslose Karrieristen,... so werden Jugendliche beschrieben. "Diese Manie, die Jugendlichen als einen einzigen Typus zu fassen, verwischt die unterschiedlichen Werte und Erfahrungen, auf die Jugendliche für ihre Positionierung in der Welt zurückgreifen", so Bertram Barth, Geschäftsführer von INTEGRAL Martforschung.

Sechs verschiedene Jugendmilieus

Die Sinus-Milieu-Jugendstudie 2013 hat insgesamt sechs Jugendmilieus identifiziert, die in der aktuellen Studie bestätigt wurden. Drei dieser Milieus greifen auf ältere gesellschaftliche Werte zurück:

  • Konservativ-Bürgerliche: diese Gruppe verliert zwar an Bedeutung, macht aber immer noch 16% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus, die auf der "alten Ordnung" beharren. Sie sind familien- und heimatbewusst und pflegenen einen bewusst konservativen Lebensstil.
  • Postmaterielle: 10% halten an dem "Sein statt Haben" der 1970er Jahre fest. Sie stemmen sich gegen den Zeitgeist und wollen sich in sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung verwirklichen.
  • Performer: diese Gruppe macht 15% der Jugendlichen aus, die den Globalisierungsoptimismus der 1990er Jahre pflegen. Sie sind überzeugt, dass sich die Welt durch Internationalisierung ständig zum Positiven weiterentwickelt, und dass sie als ICH-AGs für sich selbst das Beste herausholen können.

Zwei der Jugendmilieus sind die eigentlichen Zukunftsmilieus und werden auch größenmäßig deutlich gewinnen. Sie leiten ihre Werte primär aus den aktuellen Erfahrungen mit Optionenvielfalt, Krisen und Überkomplexitäten her:

  • Digitale Individualisten: 19% sehen die aktuelle Möglichkeiten positiv und zeichnen sich durch offensives Experimentieren und aktive, kreative Welterkundung aus.
  • Adaptiv-Pragmatisch: insgesamt18% der Jugendlichen reagieren auf die unsicheren Verhältnisse mit defensivem Sicherheitsstreben, orientieren sich am Machbaren, sind besonders flexibel, fleißig und anpassungswillig.
  • Hedonisten: dabei handelt es sich um 22% der Jugendlichen, die oft aus benachteiligten sozialen Schichten stammen und sich den Werten des Mainstreams in eskapistischer Momentbezogenheit verweigern.

Die Zukunftsmilieus verändern unsere Gesellschaft

Laut der Studie haben die beiden Zukunftsmilieus der Digitalen Individualisten und der Adaptiv-Pragmatischen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, etwas Gemeinsames gelernt: Dass es keinen Sinn hat, langfristige Perspektiven zu entwickeln, wenn sowieso morgen wieder alles anders sein kann. Große Entwürfe und Pläne scheitern immer wieder an der komplexen Realität. Daher scheint es vernünftiger, sich auf die unmittelbare Zukunft und auf das persönliche Nahumfeld zu konzentrieren. Diese Milieus sind durchaus leistungsbereit und strengen sich an, gute Bildungunsabschlüsse und berufliche Kompetenzen zu erwerben. Ihnen geht es aber immer um einen absehbaren, konkreten, persönlichen Nutzen. Diese ideologieferne und pragmatische Haltung erfasst noch nicht einmal die Hälfte der Jugendlichen, wird aber in Zukunft immer stärker werden und unsere Gesellschaft gründlich verändern.