Kraft in der Krise

Die Autorinnen sind Psychologinnen, die als Psychologische Psychotherapeutinnen schwerpunktmäßig mit traumatisierten und mit an Krebs erkrankten Menschen arbeiten. In sieben Kapiteln vermitteln sie engagiertes kreatives und konstruktives Umgehen mit Lebenskrisen bzw. bedrohlichen Situationen.

Buchtitel: Kraft in der Krise. Ressourcen gegen die Angst.
Autorinnen: Diegelmann C u Isermann M
Verlag: Klett-Cotta
Erschienen: 2011

Das erste Kapitel versucht, Mut zu machen, Mut zu neuen Erfahrungen (indem die Angst zum Verbündeten wird, der als Helfer wichtige Hinweise geben kann).

Kapitel 2 befasst sich mit Krise (in der Doppelbedeutung von Gefahr und Chance), Angst und Ressourcennutzung.

Das 3.Kapitel bringt das TRUST-Prinzip näher (TRUST ist als Akronym gemeint für "Techniken Ressourcenfokussierter Und Symbolhafter Traumabearbeitung", steht aber auch für das Vertrauen als Basiseinstellung auf der Grundlage der Annahme von Selbstheilungskräften, von Veränderungsfähigkeit bis ins hohe Alter - sog. nutzungsabhängige neuronale Plastizität - und einer inneren Haltung der Achtsamkeit).

Das 4.Kapitel ruft dazu auf, keine Angst vor der Angst zu haben (wobei frühkindlich erworbene Bewertungen von Ereignissen eine große Rolle spielen).

Das 5. Kapitel beschäftigt sich unter dem Titel "Kraft aus der Kraft" mit seelischer Widerstandsfähigkeit (Resilienz), mit der Gesundheitsorientierung und der Entstehung von Gesundheit (Salutogenese), sowie mit Konzepten der Positiven Psychologie.

Das 6.Kapitel vermittelt das "Krisen-ABC" - jeder Buchstabe diese Wortes bedeutet eine Richtlinie zum Auffinden und Einsetzen bzw. Stärken bestimmter Ressourcen (Keep cool, Ressourcen aktivieren, Innehalten, Sinn finden, Engagement, Neues entdecken, Aktiv werden, Bewertungen ändern, Chancen erkennen) und bringt viele Übungsanregungen dazu.

Das 7. und abschließende Kapitel zitiert wichtige Aussagen aus einem Gespräch mit dem Neurobiologen und Hirnforscher Gerald Hüther, wobei eine beigefügte akustische CD das Gespräch im einzelnen wiedergibt.

Vertrauen im spirituellen Sinn ist der Trost der Philosophie bei Boethius, ist die Verpflichtungsformel der Anonymen Alkoholiker, ist das Naturgefühl im Taoismus. Keine Überraschung: Vertrauen bildet auch einen zentralen Wert im Konzept der Autorinnen. Vertrauen löst auch - so die Neurobiologie - die Angstblockaden. Freilich, wenn Hüther (S17f) von den drei bedeutsamen Ebenen des Vertrauens spricht (Vertrauen zu sich selbst, Vertrauen zu anderen, Vertrauen in die Welt als sinnhaft und Geborgenheit spendend), dann redet er nur indirekt als Neurobiologe (der die positive Wirkung innerer Ruhe und Zuversicht neurobiologisch nachweisen kann), aber nicht als Philosoph oder Theologe. Die Möglichkeit bleibt für Skeptiker bestehen, dass es sich bei dieser vertrauenden Haltung gegenüber dem Weltganzen um ein kosmisch-spirituelles Heile-Welt-Placebo handelt (wie es Miguel de Unamunos Märtyrer San Sebastian Bueno als Pfarrer für seine Schäfchen macht). Hüther spricht auch nicht als Psychologe oder Psychotherapeut traumatisierten Vertrauens. So schreibt z.B. Jean Amry (Jenseits von Schuld und Sühne, 1980 Klett -Cotta): Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.. Dass der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde, bleibt als gestauter Schrecken im Gefolterten liegen..).

Dennoch kann man den Ansatz der Autorinnen auch bei skeptischer Grundposition akzeptieren, indem man eine konstruktivistische Haltung einnimmt und bewusst die drei Ebenen des Umgangs mit sich selbst und anderen und die Einstellung zur Welt und zum Spirituellen bewusst positiv gestaltet, ohne eine metaphysische Gewissheit damit zu verbinden.

Die vielen Übungsanregungen sind auch eine Fundgrube für Psychotherapeuten. Wertvoll wäre aber ein Quellenverweis, viele der Imaginationsanleitungen und Reflexionen sind ja bekannt; der Leser wüsste dann auch, welche Impulse von den beiden Autorinnen beigesteuert wurden. Man wüsste außerdem, in welchem Zusammenhang diese Anregungen entstanden sind. Denn, obwohl die beiden Autorinnen darauf hinweisen, dass Behandlungen in die Hand von erfahrenen Psychotherapeuten gehören, sind die angeführten Imaginationsübungen etc. nicht ohne potentielle Gefahr. Hier wären ausführlichere Hinweise zur Durchführung der Imaginationen sinnvoll.

Insgesamt liegt ein sehr engagiertes, anregendes Buch vor, das unermüdlich an die Ressourcen des Lesers appelliert und deren Aktivierung in mannigfaltigen Variationen fördert! Da das Buch weitgehend ohne therapeutischen Fachjargon geschrieben ist, ist es einer breiten Leserschaft zugängig! Und diese sollte das Buch auch finden, denn das Krisen-ABC ist ein Programm, das als Krisenprävention ebenso denkbar ist wie als Krisenintervention!

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
22.12.2011
Link
https://www.edugroup.at/bildung/paedagogen-paedagoginnen/rezensionen/detail/kraft-in-der-krise.html
Kostenpflichtig
nein